
14. 2. - 8. 4. 2003 | Eröffnung: 13. 2. | 19.00
Ann-Sofi Sidén beschäftigt sich in ihren Arbeiten
mit der Absurdität des Normalen und Alltäglichen.
In Arbeiten wie „Who Has Enlarged This Hole?”
(1994) und „Who Told the Chambermaid?” (1999)
beleuchtet sie die menschliche Psyche mit ihren Versuchen,
einander widersprechende Forderungen von Machtstrukturen und
Abhängigkeitsverhältnissen zu bewältigen. Die
Sphären der sozialen und ökonomischen Aktivitäten
entpuppen sich dabei oftmals als besonders geeignete Operationsfelder,
um das eigentlich verborgene Gesicht menschlicher Realität
aufzudecken.
So auch in ihrer Arbeit „Warte Mal!”, die sie
im Kölnischen Kunstverein zeigt.
„Warte Mal!” ist eine Videoinstallation, in der
Ann-Sofi Sidén den Besucher mit dem Ort Dubi, an der
deutsch-tschechischen Grenze, konfrontiert. An dieser geopolitischen
Schnittstelle entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des
Kommunismus und nach Öffnung der Grenzen 1989 ein neuer
Wirtschaftszweig: die Massenprostitution. Hunderte von Mädchen
aus ganz Osteuropa arbeiten hier als Prostituierte und versuchen,
die meist deutschen, vorbeifahrenden Autos anzuhalten, indem
sie ihnen „Warte Mal!” hinterherrufen –
oft die ersten deutschen Worte, die die Mädchen lernen.
Ann-Sofi Siden ist 1999 aus Neugierde und Interesse in diese
Region gefahren, hat sich dort über einen Zeitraum von
neun Monaten aufgehalten, und mit ihrer Handkamera ein dichtes
Porträt erstellt, das sich aus verschiedenen filmischen
Komponenten zusammensetzt: Wir sehen Interviews mit Prostituierten,
Zuhältern, Polizisten und lernen ein Ehepaar kennen,
das in ihrem Motel die Zimmer stundenweise an die Mädchen
und ihre Kunden vermietet. Dabei lässt Ann-Sofi Sidén
den Besucher stets durch „ihre Augen” sehen, was
eine große Intensität zur Folge hat. Daneben präsentiert
uns die Künstlerin eine Projektion, wie die Mädchen
ihre potenziellen Kunden auf der Strasse anzulocken versuchen,
ihr Tagebuch, zeigt verschiedene Landschaftsaufnahmen und
Filmstills, wie sie die Mädchen sieht, mit ihnen feiert
und lebt.
Innerhalb der Arbeit entsteht ein narrativer Zirkelschluss
der individuellen Lebensgeschichten. Wir erfahren von Hoffnungen,
Enttäuschungen und Erwartungen der Interviewpartner und
schnell wird deutlich, wie verstrickt und abgründig die
menschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und Hierarchien
der Interviewten untereinander sind. Durch ihren internen
Report ermöglicht es uns Sidén, in eine scheinbar
ganz eigene, abgeschlossene Welt abzutauchen, fernab von unserem
gewohnten sozialen Mikrokosmos. Sie lässt uns einen intimen
Einblick in eine geheime Welt nehmen, die sonst im Verborgenen
bleibt.
Dabei nimmt Ann-Sofi Sidén stets eine eher beobachtende
Perspektive ein, die zwar einen drastischen Konfrontationskurs
einschlagen kann aber niemals moralisiert oder verurteilt.
Vielmehr liegt es am Betrachter, zu beobachten und zu reagieren.
Sidén spielt mit dem Besucher, der seine „sichere
Rolle” unweigerlich verlassen muss. Einerseits fühlt
er sich zwar als Voyeur, doch gleichzeitig ist er schon in
den Bann des Verborgenen gezogen und wird damit zum Partizipient.
Sie nutzt die Freiheit der Kunst, um den Zuschauer mit einer
bis dahin unbekannten, geheimen Realität zu konfrontieren,
die ihn automatisch dazu bewegt, Position zu beziehen,
wenn er den Einzelschicksalen der teilweise bewegenden, unscheinbaren
oder abstoßenden Charaktere lauscht.
Sidén arbeitet mit einem dokumentarischen Verfahren,
das sie jedoch durch architektonische,
bildhauerische, fotografische und performative Dimensionen
zu einer vielschichtigen konzeptuellen Gesamtheit erweitert.
Dabei werden die filmischen Komponenten in einer Raumarchitektur
zueinander in Wechselwirkung gesetzt, sodass die vielfältigen
formalen Ausdrucksformen in Interaktion treten und ein Netz
unterschiedlicher Perspektiven und Blickpunkte entsteht.
Durch diese Strategie der Vernetzung und die bewusst beiläufige
Bildsprache gelingt es ihr, die Zeichen- und Zeitdimension
der Medien, des Fernsehfilms und des Kinos zu unterlaufen,
die sich auf Sekundenblicke konzentrieren, um eine technisch
perfekte Wirklichkeitsillusion zu erzielen. Sidéns
Arbeit zeichnet sich vielmehr durch eine unmittelbar wirkende
Ästhetik aus, die einer malerischen Auffassung vergleichbar
ist und Entdeckung bzw. Kunstgriff zugleich ist.
Die Ausstellung wird im Zusammenhang mit dem von der Kulturstiftung
des Bundes initiierten Projekt Migration präsentiert
und erstmals in Deutschland gezeigt. „Warte Mal!”
war 1999/2000 in der Secession in Wien sowie 2002 in der Hayward
Gallery in London zu sehen. Die Ausstellung im Kölnischen
Kunstverein ist eine Weiterführung der Arbeit, für
die Ann-Sofi Sidén eine neue Ausstellungsarchitektur
entwickelt hat.
„Warte Mal!” von Ann-Sofi Sidén bietet
die Möglichkeit einer ersten künstlerischen Begegnung
mit dem Thema Migration, das den programmatischen Schwerpunkt
des Kunstvereins im Jahr 2005 bilden wird.
Biografische Daten
Ann-Sofi Sidén wurde 1962 in Stockholm geboren. Sie
lebt und arbeitet in Berlin.
Ausstellungen (Auswahl): Hayward Gallery, London (2002), Musée
d´Art Moderne de la Ville de Paris (2001); Berlin Biennale
(2001); Villa Arson, Nizza (2000); Biennale di Venezia (1999),
Secession, Wien (1999); „Nuit Blanche”, Musée
d’Art Moderne de la Ville de Paris (1998), Bienal de
São Paulo (1998); „Zonen der Verstörung”,
Steirischer Herbst (1997); „See What it Feels Like”,
Rooseum, Malmö; Galerie Nordenhake, Stockholm (1995);
„P.S. 1. Studio Artists 194”, P.S. 1, New York
(1994).
Publikation
Die Ausstellung begleitet eine Publikation mit einem Text
von Robert Fleck in deutscher und englischer Sprache (€
8,50 / 5,-)
Ausstellungsgespräch
Robert Fleck (Kunsttheoretiker und Kurator, Hamburg/Paris)
mit Ann-Sofi Sidén.
4.3., 19 Uhr
Ausstellungsführungen
19.3., 18 Uhr Marion von Osten (Künstlerin und Kuratorin)
26.3., 18 Uhr Kathrin Rhomberg
Filme
Folgende, von Ann-Sofi Sidén ausgewählte Filme
begleiten die Ausstellung:
20.3., 19 Uhr „Lola” (BRD 1978), Rainer Werner
Fassbinder
2.4., 19 Uhr „Die Ehe der Maria Braun” (BRD 1981),
Rainer Werner Fassbinder
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, 13 bis 19 Uhr
Karneval (19. bis 23. 2.) geschlossen
Projekt Migration – ein Initiativprojekt der

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