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MASSE UND MONUMENT – MIGRATION UND HOLLYWOOD
Eine Filmreihe, zusammengestellt von Diedrich Diederichsen (23.04. – 15.05.04)

Vortrag von Diedrich Diederichsen
Donnerstag, 22.04.2004, 19 Uhr

Massenszenen gelten im klassischen Hollywood-Kino als ein Ausweis hoher Produktionskosten. Gleichzeitig befriedigen sie eine ganz bestimmte und spezifisch kinematographische Schaulust, die bis in die Anfänge bewegter Bilder zurückreicht. Für Siegfried Kracauer etwa war Kino das erste Medium, das die neuen großstädtischen Massen der Moderne sichtbar machte und auch zu deren Selbstbild wie Selbstverkennung entscheidend beitrug: zur Mobilisierung wie zur Stillstellung. Für viele Diskurse zur Migration ist es auch die Massenhaftigkeit der Migranten, die deren entscheidende und auch psychologisch und propagandistisch bedeutsame Komponente ausmacht. Dies gilt in besonderem Masse in den phobischen Vorstellungen von eindringenden Horden und Fluten, die für die Mobilisierung von Xenophobie und Rassismus so entscheidend sind. In den USA und damit auch im Hollywood-Kino gab es immer zwei Sorten von Massen: solche phobisch besetzten naturkatastrophisch dehumanisierten Fluten böser Massen (Indianer, Aliens, Vietnamesen) und daneben und dagegen die positiv besetzten Massen von Siedlern, aber auch von Migranten, die produktiv zum Melting Pot beitragen.

Wer eine gute und eine böse Masse ist und wie sich das in der Geschichte Hollywoods änderte und umkämpft war, will diese Reihe an ausgewählten Beispielen zeigen: sicher ist keiner dieser Filme uninteressant, aber auch keiner einfach vorbildlich und sie sind auch nicht wegen ihrer Qualitäten ausgesucht worden, sondern wegen ihrer symptomatischen Eigenschaften.

Schon der früheste hier vertretene Film „Intolerance“ des Kinopioniers Griffith zeigt, dass die Ambivalenz der Massenschilderung den Weg über ihre Monumentalisierung gehen muss. In dem Moment, wo die Massen ein eigenes Gesicht jenseits der Summe oder Steigerung des Individuellen erreichen, sind sie sowohl für die Dehumanisierung wie für Idealisierungen geeignet. Griffiths Film war eine Art Entschuldigung für seinen rassistischen Klassiker „Birth of a Nation“, der die Afroamerikaner drastisch dämonisierte. In dem einen wie dem anderen Film kann man aber sehen wie flüchtende oder siegende, bedrohte oder bedrohliche Massen durch geringfügige kinematographische Maßnahmen sich dehumanisieren lassen – zuweilen auch rehumanisieren. Auch ein anderer Film dieser Reihe war als Entschuldigung gedacht: Cheyenne Autumn sollte die Dämonisierung der amerikanischen Ureinwohner in so vielen Hollywood-Produktionen revidieren und erfindet dafür ein Bild aus dem Arsenal der Geschichte der meist positiv geschilderten europäischen Migranten, die in die USA auswanderten: die Cheyenne werden zu Vertriebenen, denen aber im Unterschied zu den Migranten aus Europa keine „neue Heimat“ winkt. Entsprechend identifiziert die Pop-Festival-Monumentalisierung „Woodstock“ die Hippie-Massen mit einer Nation von Vertriebenen, die sich ein neues Territorium suchen. „Days of Heaven“, „Heavens Gate“ und „Gangs of New York“ zeigen mit unterschiedlichen Akzenten die Lage europäischer Migranten in den USA des 19. Jahrhunderts auch als Klassenschicksal, und trotz unterschiedlicher Schwächen, jenseits jeder Idealisierung. Zu revolutionären Massen haben es die Migranten in Hollywood selten gebracht, trotz des eher biblischen „Spartacus“, aber als gesuchter und begehrter Special Effect vor allem der ersten Hälfte seiner Geschichte war ihr Bild immer eine offene Stelle, die unterschiedlichen ideologischen Instrumentalisierungen offen stand. Dabei entstanden Standards und Klischees, die auch heute noch die Vorstellung von Menschenmengen prägen, die nicht durch eine Staatsform oder eine andere geregelte kollektive Identität repräsentiert sind.


Programm:

    

 

Projekt Migration
Kölnischer Kunstverein
Die Brücke, Hahnenstraße 6
D-50667 Köln


info@projektmigration.de
www.projektmigration.de



       
 

Cheyenne Autumn (John Ford) USA 1964, 165 min
In John Ford's own words, in discussion with Peter Bogdanovich, this is his attempt to apologize for all the injustice that he has done to Native Americans in his westerns. The bitter fate of the displaced Cheyenne betrayed by politicians in Washington leads the film for half an hour in the middle through a fantastically condensed western that seems completely unreal, against which the slowly and stolidly described misery of the Indians is posed as a language of realism.
Friday, 23 April, 7 pm.

 

Cheyenne Autumn

 

 

Spartacus (Stanley Kubrick) USA 1960, 198 min
Kirk Douglas hat mit seinem Geld Kubrick dessen erste Monumentalproduktion ermöglicht, die entsprechend hagiographisch ausgefallen ist. Dieser Film vermischt US-amerikanisch-biblische, linke revolutionäre und römerfilm-monumentalistische Massenbilder. Kubricks später weiter entwickelte, skeptische, zuweilen sozialdeterminstische Kritik an der militärischen Organisation vermischt sich mit einer Hollywood-Saga. Die aus aller Herren Länder und Klassen zusammengeströmten revoltierenden Sklaven bilden eine Allegorie auf den Melting Pot.
Samstag, 24.04., 19 Uhr

 

 

Spartacus

 

 

Woodstock (Michael Wadleigh) USA 1969, 169 min
Laut Joni Mitchell waren die nach Woodstock strömenden Hippies eine „Nation”, die eine „halbe Million Leute stark“ war und es eilig hatte ins Paradies zurückzukehren. Diese Utopie einer großen Regression bedient sich in vielen Bildern und Subtexten der mythischen Gründerlegenden der USA, die den „huddled masses“ schon qua Besiedelung vor jeder Politik und Geschichte eine Utopie anbietet.
Samstag, 01.05., 19 Uhr

 

 

Woodstock

 

 

Intolerance (David Wark Griffiths) USA 1916, 163 min
Nachdem Griffiths wenige Jahre zuvor das Erzählkino mit dem wohl flagrantesten epischen Rassismus begründet hatte, den Hollywood je gesehen („Birth of a Nation“) bringt er in „Intolerance“ die „Tragödie der Menschheit“ (alter deutscher Verleihtitel) auf die in den USA nicht unvertraute Metapher der Hexenjagd. Sie wird einerseits als Urszene jeder Vertreibung kenntlich (Hugenotten-Episode), andererseits zum Potenzial jeder Masse erklärt.
Sonntag, 02.05., 19 Uhr


 

  Intolerance
 

Gangs of New York (Martin Scorsese) USA/D/I/GB/NL 2002, 166 min
Es ist instruktiv bei diesem Film Sätze aus Theodore W. Allens „Invention of the White Race“ im Kopf zu haben. Der Kampf der Migrantengenerationen untereinander um die Definition „Amerikaner“ und „weiß“, deren sozialrevolutionäre Erhebungen gegen die herrschenden Kapitalisten in Pogromen gegen die afroamerikanische Bevölkerung enden.
Freitag, 07.05., 19 Uhr

 

 

Gangs of New York

 

 

Days of Heaven (Terence Malick) USA 1978, 95 min
Eine in jeder Hinsicht illegitime Einwanderer-„Familie“ flieht aus Chicago und verstreut und verdingt sich tragisch im noch wenig codierten und codifzierten ländlichen Raum.
Samstag, 08.05., 19 Uhr

 

 

Days of Heaven

 

 

Heaven´s Gate (Michael Cimino) USA 1980, 174 min
Der Kampf gegen osteuropäische Einwanderer ist gleichzeitig der der Statistenregie gegen die Schwierigkeiten der Massenszene in der Postmoderne. Ciminos großer finanzieller Flop scheiterte auch daran, dass nach einem Jahrzehnt New Hollywood dessen Kritik an den Gründungsmythen der USA nicht mehr opportun war.
Freitag, 14.05., 19 Uhr

 

  Heaven´s Gate
 

Red River (Howard Hawks) USA 1948, 133 min
Kein Western zeigt psychologisch so genau, dass und wie der Hollywood-Cowboy ein Konzept des Nomadismus enthält, das wiederum von der Siedler- und Migrantengeschichte der USA abgeleitet ist. Eine Urhorde bei der Arbeit, Viehherden, Vatermorde und überhaupt der ganze Freud auf dem Trail von Texas nach Norden.
Samstag, 15.05., 19 Uhr



  Red River
 

Projekt Migration, ein Initiativprojekt der
Kulturstiftung des Bundes

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