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Blut ohne Boden
– Boden ohne Blut
Eine Filmreihe zu einem anderen Migrationsbegriff, zusammengestellt
von Slavoj iek
(11.6. – 3.7.2004)
Eröffnungsvortrag von Slavoj iek
Mittwoch, 9.6., 19 Uhr
»Mit dem Judentum entsteht ein radikal neues Gesellschaftsverständnis,
nämlich von einer Gesellschaft, die nicht mehr auf einer Teilhabe
an gemeinsamen Wurzeln gründet: »Jedes Wort ist eine
Entwurzelung. Die Konstituierung einer realen Gesellschaft ist eine
Entwurzelung – das Ende einer Existenz, in der das »Zuhausesein«
absolut ist und alles aus dem Inneren kommt. Heidentum schlägt
Wurzeln [...] Heidentum ist der örtliche Geist: Nationalismus
in Hinsicht auf seine Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit [...]
Eine Menschheit mit Wurzeln, die Gott inwendig, mit dem aus der
Erde aufsteigenden Saft besitzt, ist ein Urwald oder eine vormenschliche
Menschheit.« (Emmanuel Levinas)
Der auf diese Sicht gegründete Gegensatz – »gutes«
nomadisches, wanderndes, »deterritorialisiertes« Subjekt
versus »böses«, auf seine ethnisch-religiös-sexuelle
Identität festgelegtes Subjekt – beherrscht unsere ideologische
Sphäre. Doch die Hauptbotschaft unserer spätkapitalistischen
Erfahrung besagt, dass wir solchen Koordinaten nicht einfach trauen
dürfen. Denn erstlich und zuvorderst ist eine radikale »Deterritorialisierung«
von Subjektivität, in der selbst die innersten Kennzeichen
unserer Identität »in dünne Luft aufgehen«
(Marx), das elementare Merkmal des heutigen globalen Kapitalismus,
der sich vollends die Logik des ziellosen Überschusses zu eigen
gemacht hat.
Dieser Sachverhalt nötigt uns, die modische Feier der nomadischen
oder »hybriden« Subjektivität in Frage zu stellen:
Einen armen Bauern, der aufgrund eines lokalen ethnischen Krieges
oder einer verheerenden Wirtschaftskrise zur Emigration gezwungen
ist, mit demselben Begriff zu belegen wie einen Angehörigen
der »symbolischen Klasse« (Akademiker, Journalist, Künstler,
Kunstmanager), der ständig zwischen Kulturhauptstädten
hin- und herreist, läuft auf dieselbe Obszönität
hinaus wie die Gleichsetzung von Hungersnot und Schlankheitsdiät.
Unsere erste ethisch-politische Pflicht besteht folglich darin,
die Themen komplexer anzugehen und den Begriff der »Migration«
einer Art Spektralanalyse zu unterziehen, in der wir zwischen gegensätzlichen,
von emanzipativen bis zu versklavenden Tendenzen zu unterscheiden
haben.
Slavoj iek (*1949) Psychoanalytiker, Philosoph und
Kulturkritiker, lebt und arbeitet in Ljubljana
Programm:
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Projekt
Migration
Kölnischer Kunstverein
Die Brücke, Hahnenstraße 6
D-50667 Köln
info@projektmigration.de
www.projektmigration.de
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Lamerica (Gianni
Amelio) I 1994, 115 min, DF
Der Film schlechthin zur Abwanderungskrise, der auf die Auflösung
des Real Existierenden Sozialismus folgte: In einer Art Benjaminschen
Dialektik im Suspens überlappt sich die heutige Sehnsucht nach
dem gelobten Land Italien mit der italienischen Sehnsucht nach Amerika.
Fr., 11.6., 19 Uhr
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Sansho
Dayú (Kenji Mizoguchi) J 1954, 119 min, OmdU
Diese im mittelalterlichen Japan angesiedelte Geschichte von einer
durch den Krieg auseinandergerissenen Adelsfamilie und von der wechselseitigen
Sehnsucht zwischen Sohn und Mutter ist ein Melodram im erhabensten
und edelsten Sinn des Worts: die Geschichte einer absoluten Familienbindung,
die alle Verwerfungen und Trennungen überdauert.
Sa., 12.6., 19 Uhr
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Watch on the Rhine (Herman
Shumlin) USA 1943, 114 min, OF
Die radikalste Auseinandersetzung Hollywoods mit den Grenzen des
liberalen Humanitarismus: Vor dem Hintergrund des Nazismus nimmt
eine liberale amerikanische Familie großherzig entfernte Verwandte
aus Europa auf, sieht sich dann aber zu dem weitaus radikaleren
Schritt gezwungen, sich an einem notwendigen Töten zu beteiligen.
Sa., 19.6., 19 Uhr
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Das blaue Licht (Leni
Riefenstahl) D 1932, 72 min, OF
Ist Junta, das einzelgängerische wilde Bergmädchen, nicht
eine Verfemte, die fast einem von den Dorfbewohnern angezettelten
Pogrom zum Opfer fällt – einem Pogrom, das uns an die
antisemitischen Pogrome erinnern muss? Vielleicht ist es kein Zufall,
dass Riefenstahls damaliger Liebhaber Bela Balasy, der das Drehbuch
mitverfasste, Marxist war.
Fr., 25.6., 19 Uhr

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Viaggio in Italia
(Roberto Rossellini) I 1953, 82 min, OmdU
Die Ruinen aus Italiens Vergangenheit bilden den Hintergrund für
ein reiches amerikanisches Paar in der Ehekrise: Dabei behalten
sie ihre tiefe Zweideutigkeit, sodass die stoffliche Präsenz
der Ruinen ständig ihre »offenkundige« metaphorische
Bedeutung (als Symbol für die ruinierte Beziehung des Paares)
untergräbt.
Sa., 26.6., 19 Uhr
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Das Schweigen (Ingmar
Bergman) S 1963, 91 min, DF
Bergmans wahres Meisterwerk: die Eisenbahnreise zweier Schwestern
und eines kleinen Sohns, mit Aufenthalt in einem nicht näher
beschriebenen osteuropäischen Land, dessen Atmosphäre
sinnlichen Zerfalls und sexueller Verderbtheit eine perfekte »objektive
Entsprechung« zum Unbehagen am modernen Leben bietet.
So., 27.6., 19 Uhr
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Hiroshima mon amour (Alain
Resnais) F/J 1959, 89 min, OmeU
Die Liebesgeschichte eines aus seinen Lebenszusammenhängen
gerissenen Paares im Hiroshima der 50er Jahre (eine Französin,
auf der Flucht vor dem Trauma ihres deutschen Soldatenliebhabers,
ein vom Trauma Hiroshimas gezeichneter Japaner) entfaltet das Axiom
der Liebe als magisches Geschehen, das selbst die verheerendsten
historischen Traumata überwindet.
Fr., 2.7., 19 Uhr
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Der siebte Kontinent
(Michael Haneke) A 1989, 107 min, OF
Ist die letzthaftige »Migration« nicht die Reise in
den Tod selbst? Haneke inszeniert dies umweglos als die geplante
Reise einer Familie, deren Mitglieder entscheiden, gemeinsam Selbstmord
zu begehen: kein Pathos, einfach eine kühle rationale Umsetzung
des Beschlusses....
Sa., 3.7., 19 Uhr
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Projekt Migration, ein Initiativprojekt
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