VORBEI MIT ALLES
KLAR
Vortragsreihe des Kölnischen Kunstvereins, Projekt Migration,
kuratiert von Christian Kravagna
Die Vortragsreihe widmet sich einem disziplinübergreifenden
Denken von Migration jenseits des Diskurses über Migration
als Ausnahmezustand oder Sonderfall. Migration ist seit langem an
Transformationsprozessen auf gesellschaftlicher, kultureller und
identitätslogischer Ebene beteiligt. Im Zusammenwirken mit
anderen Aspekten von Globalisierung bedingt und erfordert sie ein
Neudenken von politischen Kategorien, historischen Narrativen und
kulturellen Selbstverständnissen bis hin zu Lebenswelten und
Subjektentwürfen. Überkommene Oppositionen von Identität
und Differenz, Eigenem und Fremdem sowie die ihnen verpflichtete
diskursive Homogenisierung von Mehrheiten und Minderheiten scheitern
an der Erfassung dieser Veränderungen.
Dem entsprechend fokussiert die Vortragsreihe die produktiven Potenziale
von Migration in Bezug auf die Destabilisierung und Neufassung von
Begriffen und Konzepten, mit denen migratorisch geprägte Gesellschaften,
ihre Vorstellungswelten und Handlungsräume, beschreibbar wären.
Sie interessiert sich für die konzeptuelle Krise von Denkstrukturen
und Beschreibungsmodellen, sie thematisiert die erkenntnistheoretischen
Verschiebungen, die von sozialen und kulturellen Praktiken in Übergangsräumen
ausgelöst werden, und fragt nach Vorstellungen von Gemeinschaft
oder Identifikation und neuen Artikulationsformen von Subjektivität
im Spannungsfeld von alten (institutionellen und diskursiven) Ordnungsinstanzen
und den vervielfältigten neuen Lebensrealitäten. (Christian
Kravagna)
Freitag, 30. Mai 2003, 19 Uhr
Ost-westlicher Diwan
Dorit Margreiter im Gespräch mit Christian Kravagna
In neueren kuenstlerischen Arbeiten wie "Short Hills"
oder "Women of the Orient" untersucht Dorit Margreiter
Räume der Migration in ihren Relationen zu Medienwelten und
Vorstellungsräumen. Ihre Kunst artikuliert Momente der Durchdringung
von historischen, kulturellen und subjektiven Motiven in der Erfahrung
und Gestaltung solcher Räume.
Christian Kravagna, Kunsthistoriker, Kritiker, Kurator
Dorit Margreiter, Künstlerin
Mittwoch, 4. Juni 2003, 19 Uhr
Migration utopisch betrachtet
Vortrag, María do Mar Castro Varela, Köln
Utopien sind obsolet, gefährlich und totalitär. So zumindest
lautet der mainstream Diskurs. Tatsächlich hatte die Utopie
immer schon eine schlechte Presse, wie Ernst Bloch - der Philosoph
der Hoffnung - zu pflegen sagte. Denn Utopien kommen denen, die
mit dem gesellschaftlichen status quo zufrieden sind, ungelegen.
Sie stören die Gemütlichkeit, die auf einer immer wieder
herzustellenden Normalität aufruht.
Migration utopisch betrachtet fokussiert das kritische Transformationspotential
von Migrationsprozessen. Migration ist dann nicht Er-Leiden, sondern
Herausforderung und Infragestellung des So-seins: Heimat wird zum
Nicht-Ort, das Suchen nach Wurzeln weicht der Foucaultschen Selbsterfindung
und das scheinbar selbstverständliche Wir wird pluralisiert.
Die visionäre Seite von Migration zu analysieren, eröffnet
mithin die Möglichkeit, die Fremden aus ihrem Fremd-Sein zu
entlassen, sie als Handelnde und widerständige Subjekte wahrzunehmen,
die festgelegten sozialen Koordinaten zu verschieben.
María do Mar Castro Varela, Köln
Mittwoch, 18. Juni 2003, 20 Uhr
Migration und die Entstehung der Moderne Vortrag, Iain
Chambers, Neapel (in englischer Sprache)
Der Vortrag behandelt die verdrängten Geschichten der Moderne
im Licht der kolonisierten Körper, der ausgebeuteten Territorien
und der vielfältig zusammengesetzten Realisierung der modernen
Metropole.
Mittwoch, 25. Juni 2003, 19 Uhr
Kampf um Hybridität: Definitionsmacht, Vereinnahmung, Mißrepräsentation?
Vortrag, Kien Nghi Ha, Berlin
Im Rahmen des "cultural turn" ist "Hybridität"
zu einem neuen Schlüsselbegriff in den Geistes- und Sozialwissenschaften
avanciert. Oft wird Hybridität ohne die grundlegenden historischen
und politischen Kontexte als Modell "kultureller Vermischung"
vorgestellt und euphorisch als alternativer Vergesellschaftungsmodus
zelebriert. Statt post-koloniale und interventionistische Problemstellungen,
die das Verhältnis von Kultur, Politik und Gesellschaft nach
der Verortung von Machtverhältnissen befragen, richtet sich
das hiesige Interesse vornehmlich auf die produktiven und ästhetischen
Aspekte kultureller Hybridisierung. Angesichts dieser konstatierten
Situation erscheint es sinnvoll den Hybriditätsbegriff kritisch
zu durchleuchten und lokale Anwendungen im Hinblick auf problematische
Verkürzungen, Auslassungen und Funktionalisierungen zu diskutieren,
die für nationale Projekte und konsumptive Fallstricke anschlußfähig
sind.
Mittwoch, 2. Juli
CONTACT
Vortrag, Irit Rogoff, London (in englischer Sprache)
Ich möchte über „Kontakt” sprechen. Zum einen,
um eine Geschichte von differenten und diffusen Begegnungen zu skizzieren,
die nicht unter den Paradigmen des Kolonialismus oder der Einwanderung
erfasst werden können. Zum anderen möchte ich über
kulturübergreifende Kontakte entlang der Linien von Negri/Hardts
Fassung der „Multitude” und ihrer bio-politischen Hybridisierungen
nachdenken. Schließlich möchte ich den sogenannten „Terrorismus”
als ein Kontaktmodell denken, dessen Geschichten nicht anerkannt
werden können, so dass sie immer als ein Ereignis des Augenblicks
erscheinen.
Mittwoch, 9. Juli
"Wir sind Deutsche, wir sind Weiße und wir wollen Weiße
bleiben!" – Der koloniale Diskurs um schwarze Deutsche
Vortrag, Fatima El-Tayeb, Tennessee
Deutsche Debatten um "Zuwanderung", "Fremdenfeindlichkeit"
oder "Leitkultur" finden zumeist ohne jede historische
Kontextualisierung statt. Zu verbreitet ist die Annahme, Deutschland
sei, wenn überhaupt, erst in den letzten Jahrzehnten zum "Einwanderungsland"
geworden. Tatsächlich jedoch ziehen sch die heute aktuellen
Themen durch das gesamte 20. Jahrhundert - eine ethnisch homogene,
durch massive Zuwanderung bedrohte deutsche Nation war nie Fakt,
sondern mußte immer wieder diskursiv konstruiert werden. Wie
dieser Prozess funktionierte und welche Auswirkungen er auf die
Situation ethnischer Minderheiten hatte, soll am Beispiel der kolonialen
Debatten um schwarze Deutsche dargelegt werden.
Mittwoch, 17. September 2003, 19 Uhr
Spuren der Erinnerungen, Widerspenstige Erfahrungen, Politiken der
BeGrenzung: Migration gestern und heute
Vortrag, Encarnacíon Gutiérrez Rodríguez,
Hamburg/London
Encarnacion Gutiérrez Rodríguez spricht in ihrem
Vortrag über biographische und persönliche Migrationserfahrung.
In einer Gegenüberstellung von Erinnerung und offizieller Geschichtsschreibung
werden Aspekte der Migration thematisiert, die sich einer allgemeinen
Sichtbarkeit entziehen.
”Mit Erinnern als Akt des Widerstands und Vergessen als widersprüchlicher
Praxis werde ich mich in diesem Vortrag beschäftigen. Erinnerungen
nehmen in biografischen Darstellungen eine zentrale Rolle ein. Sie
fungieren als Verbindungsglieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Mittels Erinnerungen werden biografische Linien gezogen, aber auch
durchkreuzt. Denn, so Walter Benjamin, Erinnerungen stellen „dialektische
Bilder” dar. Bilder, die in der Überlappung eines „Vorher”
und „Jetzt”, eines subjektiven und eines kollektiven
Gedächtnis, entstehen.”
Encarnacion Gutiérrez Rodríguez, Sozialwissenschaftlerin
lebt und arbeitet in Hamburg und London.
Mittwoch, 22. Oktober 2003, 19 Uhr
Unconnected Entities / Indefinite Travels
Gülsün Karamustafa im Gespräch mit Erden Kosava (in
englischer Sprache)
Seit 1989 formieren sich die ehemaligen Auswanderungsländer
Türkei, Griechenland und Ex- Jugoslawien zunehmend selbst als
neue Einwanderungs- und Transitländer. Gülsün Karamustafa,
eine der bedeutenden KünstlerInnen der Istanbuler Kunstszene,
thematisiert in ihren Arbeiten verschiedene Perspektiven von Migrationsbewegungen
- von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, über die Bewegungen
der Gastarbeiter nach Deutschland bis hin zu den Balkankriegen.
Anhand ihrer Arbeiten spricht die Künstlerin mit Erdan Kosova
über die Geschichte der Migration, speziell aus dem Blickwinkel
der Türkei.
Vorschau
Mittwoch, 5. November 2003, 19 Uhr
Kämpfe der Migration: Geschichte, Migration und Rassismus
Manuela Bojadzijev, Frankfurt am Main
Mittwoch, 26. November 2003, 19 Uhr
Die Produktion sicherer und gefährlicher Orte: Ethnische Verhältnisse
und Geschlechterverhältnisse im Alltag von Großstadtjugendlichen
Nora Räthzel, Hamburg/ Umea
Projekt Migration, ein Initiativprojekt der Kulturstiftung
des Bundes

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