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VON WEGEN PARALLELGESELLSCHAFT!
ROLLENSPIEL UND GRENZVERKEHR IM KINO DER MIGRANTEN
Filmfestival entwickelt von Deniz Göktürk (University of California, Berkeley)


Deutschland war schon lange „Einwanderungsland“, bevor dies politisch und gesetzlich formuliert wurde. Das „Zuwanderungsgesetz,“ das im Januar 2005 in Kraft trat, ist ein Markstein in der öffentlichen Bewusstwerdung von Grenzverkehr und einem neuen Selbstverständnis der Bundesrepublik als „offener“ Nation. Dass dabei nicht von „Ein-“ sondern von „Zu-wanderung“ die Rede ist, zeigt ein weiteres Mal, dass Wert gelegt wird auf die Markierung von Unterschieden zwischen „Ansässigen“ und „Fremden“ und dass man sich schwer tut in Deutschland mit dem Zugeständnis, ein „Einwanderungsland“ zu sein. Der Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Migrationsgeschichte – der erste Anwerbevertrag mit Italien wurde 1955 abgeschlossen – führt zu einer Vielzahl von symbolischen Gesten im Bereich der Kultur; Migration geht ins Museum. Ziel dieser Veranstaltungen ist, Bewusstsein zu wecken für kulturelle Vielfalt und für transnationale Vernetzungen, für Geschichten, die anderswo beginnen und nach Deutschland führen oder auch Deutschland verlassen.

Das Filmprogramm bildet einen Teil dieser Dokumentation und Bestandaufnahme. Gezeigt werden die ersten und die aktuellsten Filme zum Thema Migration. Fassbinder inszenierte mit Katzelmacher und Angst essen Seele auf erstmals die neuen Aussenseiter in Hauptrollen („ein Griech aus Griechenland,“ gespielt von Fassbinder selbst, oder ein Nordafrikaner, gespielt von Ben Hedi El Salem). Im Sinne von Brechts epischem Theater oder von Sirks Melodrama werden in diesen Filmen soziale Ausschlussmechanismen szenisch analysiert. In einer Rückschau auf das Migrantenkino bilden diese Klassiker des Neuen Deutschen Kinos wichtige Marksteine.

Das Programm beginnt daher im Jahr 1973 – in der Migrationsgeschichte bekannt als das Jahr des Anwerbestops, welcher paradoxerweise durch Familiennachzug eine Konsolidierung und beträchtliche Vergrösserung der ausländischen Bevölkerung in Deutschland zur Folge hatte. Fassbinders Angst essen Seele auf inszenierte meisterhaft Schwellenüberschreitungen und Blickwechsel in Räumen wie der Bar der Nordafrikaner oder dem Treppenhaus mit den neugierigen Nachbarinnen. In der dreissig Jahre später von Shabaz Noshir gedrehten kurzen Hommage an Fassbinders Film Angst isst Seele auf nimmt die Kamera den Blickwinkel eines schwarzen Schauspielers ein, in der Konfrontation mit Neonazis und Polizei. Die Schauspielerin aus Fassbinders Film Brigitte Mira tritt am Ende dieser Hommage erneut auf und deutet eine Kontinuität an zwischen alten und neuen Repräsentationen. Während Alis Körper in Angst essen Seele auf als passives Objekt der Begierde in Szene gesetzt wurde, findet man heute zunehmend Migranten hinter der Kamera und im Regiesessel, die ihrerseits auf ein Repertoire filmischer Vorlagen zurückgreifen. Konflikte um den Rassismus zugeschriebener Rollen sind damit noch lange nicht aus der Welt geschafft; vielmehr bleibt die Frage der Sichtbarkeit und der Perspektive hochaktuell in Diskussion um die Repräsentation von Migranten und Minderheiten.

Die Betonung einer historischen Dimension in der Repräsentation von Migrantion ermöglicht zudem, tragische und komische Ansätze nebeneinanderzustellen. Während Fassbinder an Konventionen des Melodramas nach Douglas Sirk All That Heaven Allows und Imitation of Life) anknüpft, drehte im gleichen Jahr Franco Brusati mit Pane e cioccolata eine wunderbar leichtfüssige Komödie über die Erlebnisse und verrückten Beobachtungen eines italienischen Migranten in der Schweiz, die eher in eine Tradition mit Charlie Chaplins The Immigrant zu stellen ist. Das Filmprogramm kombiniert Tragik und Komik zu einem facettenreichen Tableau und dokumentiert die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Sichtweisen.

Unter der Rubrik „Sehen und gesehen werden… Städte, Räume, Grenzen, Beobachtung“ werden Dokumentarfilme gezeigt, die im Rückblick Migrationsgeschichte aufarbeiten oder der symbolischen Besetzung von öffentlichen Räumen in den Grosstädten wie Berlin und Istanbul auf der Spur sind . Hatice Aytens Filmessay Menschen auf der Treppe – der Titel ist einem Gedicht von Nazim Hikmet entlehnt, das als Kernstück des Films dient – zeigt die beiden von deutschen Architekten gebauten Kopfbahnhöfe in Istanbul als Knotenpunkte der Migration von Anatolien in die Metropole sowie von Istanbul nach dem westlichen Europa und kombiniert dabei Archivmaterial, Bilder aus John Bergers und Jean Mohrs Fotoband A Seventh Man und Ausschnitte aus Gurbet Kuslari / Birds of Exile (1964) mit neuen Bildern aus Istanbul. Mit Gurbet Kuslari wird ein Klassiker des türkischen Kinos gezeigt, der die Binnenmigration vom Land in die Grosstadt zum Thema hat.

Serif Görens Polizei von 1988, demselben Jahr wie Yasemin und Abschied vom falschen Paradies, ist ebenfalls eine türkische Produktion und einer der wenigen Filme, in denen türkisch-deutsche Begegnungen mit Humor betrachtet werden. Hauptperson dieser „Köpenickiade“ rund ums Kottbusser Tor ist der sympathisch-naive Straßenkehrer Ali Ekber (gespielt von dem populären Komiker Kemal Sunal). Die Liebe zur Schauspielerei treibt ihn in seiner Freizeit zu einem lokalen Laientheater. Der Regisseur ist Deutscher, spricht jedoch Türkisch – eine der vielen gegenseitigen kulturellen Mutationen in diesem Film. Ali bekommt eine kleine Rolle als Polizist. Die Uniform gefällt ihm so gut, daß er sie gleich anbehält und auf der Straße weiter den Polizisten spielt, was zu wechselseitigen Verwirrungen führt. Seine Landsleute zollen ihm endlich Respekt und halten ihn mit kleinen Bestechungen bei Laune. Der Hauptmann von Köpenick (1931), Carl Zuckmayers tragikomisch bissige Satire auf die Uniform und die Selbstherrlichkeit von Militär und Bürokraten im wilhelminischen Deutschland, war im deutschen Kino mehrfach verfilmt worden, 1931 von Richard Oswald und 1956 von Helmut Käutner mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Dieses Stück, das sich um den beschwerlichen Weg zu einem Paß und um die Suche nach Heimat dreht, wurde nun von einem türkischen Film angeeignet und umbesetzt; in die deutsche Polizistenuniform schlüpfte kurzerhand ein türkischer Straßenkehrer. Durch das ironische Rollenspiel eröffnen sich Perspektiven, die über den sozialen Realismus anderer Migrantenfilme jener Jahre hinausreichen und eindeutige Zuordnungen von ethnischer und kultureller Identität karnevalistisch unterlaufen. Einen aktuellen Gegenpart findet die Köpenickiade in dem 6-Minuten-Video 12 Saatlik von Nicoline van Harskamp, die zwei Männer in Uniformen einer fiktiven privaten Sicherheitsgesellschaft zwölf Stunden lang durch Istanbul zirkulieren liess. Die Legitimation dieser beiden Wachschutzleute wurde von niemandem in Frage gestellt.

Diese Filme werden ergänzt durch verschiedene Filme im Beiprogramm. Yüksel Yavuz arbeitet in seinem Film Mein Vater, der Gastarbeiter seine transnationale Familiengeschichte auf vom Vater, der fünfzehn Jahre lang in einer Werft in Hamburg arbeitete, um dann zurückzukehren, von der Mutter, die im kurdischen Dorf zurückblieb und dort ein eigenständiges Leben als Bäuerin führte, von der eigenen Ankunft des Regisseurs im Alter von sechzehn beim Vater in der Arbeiterbrackensiedlung in Hamburg, dem Leben in „12 Quadratmetern Deutschland“ und schliesslich von den Enkeln, die heute in Deutschland aufwachsen. Otobüs, der erste türkische Film über die Reise einer Gruppe männlicher Gastarbeiter nach Europa und eine eindrucksvolle Darstellungen der Begegnung mit der grotesk unverständlichen Fremde, ist heute weitgehend vergessen. Auch Werner Herzogs Stroszek ist in diesem Zusammenhang ein wenig bekannter Film. Bruno S. wird bei der Entlassung aus dem Gefängnis von einem türkischen Zellenmitbewohner verabschiedet, der ihm das kleinste Schiff der Welt überreicht; Bruno wohnt in Berlin in einem „Türkenviertel“ und wird von Zuhältern gezwungen, ein türkisches Gebet auf seinem Flügel vorzuführen; seine Freundin Eva verdient das Geld für die Überfahrt nach Wisconsin, USA durch einen Besuch bei den Türken im Bauwagen. Unbehaustheit und Mobilität stehen im Zentrum des Films; Immigranten- und Emigrantengeschichten sind untrennbar verzahnt. Durch die Arbeit mit Laiendarstellern an ungewöhnlichen Schauplätzen entsteht in Stroszek eine ganz eigenartige Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen.

Den dritten Themenabend bilden Filme, die sich abheben von einem ungebrochenen sozialkritischen Realismus. Angelina Maccarone, Yüksel Yavuz und Hussi Kutlucan begegnen in ihren Filmen stereotypen Darstellungen von Migranten mit Phantasie, Humor, selbstironischem Rollenspiel und filmischen Formexperimenten. Ihre Filme vermeiden die Darstellung einer ethnisch homogenen Gruppe, sondern imaginieren stattdessen ungewöhnliche Freundschaften und transnationale Allianzen. Die Dialoge sind selbstbewusst mehrsprachig. In Angelina Maccarones Ein Engel schlägt zurück zieht eine Türkin aus einem Bordell in St. Pauli nach Helgoland, um dort eine Currywurstbude zu übernehmen und schliesst dort Freundschaft mit einer fundamentalistischen Inselbewohnerin, die sie als Botin für das Jüngste Gericht begrüsst. Die Regisseurin lebt in Berlin und lehrt Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Am 6.10. läuft ihr neuer Film Fremde Haut im Kino an. Yüksel Yavuz’ Kleine Freiheit, der in Cannes gezeigt wurde, spielt in St. Pauli rund um ein kurdisches Kebab-Restaurant. Die Hauptrolle ist ein junger Flüchtling aus der Osttürkei, dessen Eltern nur noch als Aufnahmen auf seiner Videokamera existieren und dessen bester Freund ein Afrodeutscher ist. Hussi Kutlucans Drei gegen Troja stellt, ähnlich wie seine anarchische Komödie Ich Chef, Du Turnschuh (ebenfalls im Beiprogramm), ein chaotisches Miteinander der Ethnien und ein gewitztes Spiel mit filmischen Genres und politischen Diskursen.

Die Podiumsdiskussion am dritten Abend mit Fatih Akin, Hatice Ayten, Angelina Maccarone, Hussi Kutlucan und Yüksel Yavuz wird sich um mögliche Strategien der Intervention drehen, unter anderem auch um die Macht des Humors und der Ironie. Um ausserdem die Repräsentation und Position von Migranten innerhalb von Institutionen und öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zu beleuchten, sollte noch Claudia Tronnier (ZDF – Das kleinen Fernsehspiel) oder eine ander Vertreterin von Fernsehen oder Filmförderung eingeladen werden, möglichst auch eine Kritikerin, die über den Stellenwert dieser Filme im Feuilleton und im öffentlichen Bewusstsein zu berichten weiss.

Der letzte Themenabend eröffnet schliesslich einen europäischen und globalen Horizont, der über die nationale Verortung von Minderheiten hinausweist. Das Migrantenkino ist mobiler geworden und sprengt nationale Eingrenzungen, wie an dem spektakulären Erfolg von Fatih Akins Gegen die Wand zu beobachten war. Auf europäischer Ebene bietet sich ein Vergleich an mit der Repräsentation von Minderheiten im britischen Kino. Stephen Frears My Beautiful Laundrette (1985) imaginierte als erster grosser Spielfilm über Pakistanis in London noch eine Utopie von Heimat für kleine Entrepreneurs in Mrs. Thatchers England, auch Gurinder Chadha propagierte mit I’m British But (1990) und Bhaji on the Beach (1993) eine Eingemeindung der Kultur der Einwanderer in die britische Populärkultur. In Stephen Frears neuem Film Dirty Pretty Things (2002) dagegen, der übrigens mitten im türkischen London spielt mit Audrey Tautou in der Rolle der Türkin Senay, will eigentlich keiner mehr in Grossbritannien bleiben und heimisch werden – am Ende des Films reist Senay weiter nach New York, Okwe zurück nach Afrika. Die Geschichten werden globaler. Ein erweiterter europäischer Horizont tut sich auch auf in Hannes Stöhrs One Day in Europe (2005), einem Vier-Episoden-Film à la Night on Earth, mit Stationen in Moskau, Istanbul, Santiago del Compostella und Berlin – es entsteht ein diverses Bild von Europa, das durch ein fiktives Fussballspiel und parallele Situation von Gepäckverlust und Versicherungsbetrug vereint wird.


Programm


Do, 13. 10.
Focus 1973 – tragisch und komisch…


17 Uhr
Einführungsvortrag von Deniz Göktürk (UC Berkeley):
„Von wegen Parallelgesellschaft! Rollenspiel und Grenzverkehr im Kino der Migranten “

18 Uhr
Angst isst Seele auf (D 2003, Shahbaz Noshir , 13 min) &
Angst essen Seele auf ( D 1974, R.W. Fassbinder, 93 min)

20 Uhr
Pane e cioccolata (I 1973, Franco Brusati , 112 min , OmenglU )

 

Fr, 14. 10.

Sehen und gesehen werden… Städte, Räume, Grenzen, Beobachtung

18 Uhr
Menschen auf der Treppe (D 1999, Hatice Ayten , 34 min, Dokumentarfilm)
In Anwesenheit der Regisseurin Hatice Ayten
Getürkt (D, 1996, Fatih Akin, 12 min)
Was nicht passt, wird passend gemacht (D, Peter Thorwarth , 1996, 15 min)
Planeta Alemania - Beobachtungen aus der Unsichtbarkeit (D, comp@ñeras 1999, 38 min)

21 Uhr
12 Saatlik (NL, 2003, Nicoline van Harskamp , 6 min, OmenglU )
In Anwesenheit der Regisseurin Nicoline van Harskamp
Propanganda (TUR, 1999, 120 min, OmdtU )

 

Sa, 15. 10.

Wer ist hier WIR ? Ironie und Komi k gegen Ethnochauvinismus

14 Uhr
Ein Engel schlägt zurück
(D 1998, Angelina Maccarone , 83 min)
Im Anschluss Gespräch mit Angelina Maccarone

16 Uhr
Drei gegen Troja
(D 2005, Hussi Kutlucan , 90 min)

18 Uhr
Podiumsdiskussion:
Jenseits der Fürsorge? Förderung, Identität und Mobilität“ mit Filmemachern, Kritikern und Redakteuren
Auf dem Podium : Hussi Kutlucan , Yüksel Yavuz , Claudia Tronnier
Moderation: Deniz Göktürk

20 Uhr
Kleine Freiheit (D 2003, Yüksel Yavuz , 100 min)

22 Uhr
Gegen die Wand (D/TUR 2003, Fatih Akin, 121 min)

 

So, 16. 10.

In transit – national, europäisch oder global?

15 Uhr
In Transit (TUR 2004, Berke Bas, 45 min, Dokumentarfilm, OmenglU )
Schwarzfahrer (D 1993, Pepe Danquart, 12 min)

16 Uhr
Lichter (D 2003, Hans-Christian Schmid, 105 min)

18 Uhr
One
Day in Europe (D/E 2005, Hannes Stöhr , 100 min, OmdtU )

20 Uhr
Dirty
Pretty Things (GB 2002, Stephen Frears , 97 min, OF)

 

Ort:
Kino in der Brücke
Kölnischer Kunstverein
Hahnenstraße 6
D-50667 Köln
T +49-221-8697 647
F +49-221-8697 648