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FAMILIEN BANDE
Filmfestival entwickelt von Madeleine Bernstorff & Marion von Osten

Einer der ersten Migrationsfilme der Filmgeschichte ist Alice Guy-Blachés THE MAKING OF AN AMERICAN CITIZEN (Solax 1912). Er handelt von einem russischen Einwandererehepaar, das sein Land verlässt, in Ellis Island angekommen sich in der Lower Eastside ansiedelt und später eine Farm betreibt. Der Ehemann behandelt seine Frau wie einen Packesel, und als sie zusammenbricht, wird er wütend und misshandelt sie. In jeder Szene, in der die neue amerikanische (männliche) Gesellschaft thematisiert wird, werden dem Ehemann „Manieren“ beigebracht: Als sie vom Schiff steigen, nimmt ein Amerikaner der Frau das Bündel ab und gibt es ihrem Mann, der Hauswirt hört das Ehepaar streiten und weist den Ehemann zurecht, auf der Farm schützt ein anderer Farmer die Frau.
Das Herkunftsland als „vormodernes“ Hinterland - die Verhaltensweisen der Einwanderer müssen den Geschlechterverhältnissen der (städtischen) Einwanderungsgesellschaft entsprechend modernisiert werden - ist ein Topos, der sich durch die Filmgeschichte zieht. Sexuelle Unterdrückung in traditionellen, heterosexuellen Familienstrukturen werden seit Beginn des Migrationsfilms ethnisiert und das auch in Filmen, in denen ein „frauenbewegter“ Gestus ein allgemeines „fremdes“ weibliches Schicksal behauptet, wie etwa in Helma Sanders-Brahms „Shirins Hochzeit“. Die Bilder von der entmachteten und vormodernen Verhältnissen ausgesetzten Frau erzürnten schon in den siebziger Jahren das Publikum. Sie lösten heftige Debatten in der deutschen Frauenbewegung wie bei den MigrantInnen aus, die u.a. mit der Besetzung des WDR gegen die filmischen Zuschreibungen demonstrierten.
Die Erzählform von Migration im Film reproduzierte lange Zeit das Muster, die Protagonisten der Handlung als ihr Schicksal Ertragende darzustellen. Der Migrantin kam darin eine besonders zentrale Rolle zu. Eine ganze Serie von Filmen musste etwas symptomatisch „durcharbeiten“ bevor andere visuelle Subjektivierungsstrategien möglich wurden. Denn das Bild von vormodernen, traditionellen Familien- und Geschlechterverhältnissen, vom ungelernten Arbeiter/Bauer-Mann und der unterdrückten Frau ist bis heute hartnäckig präsent und dient der Mehrheitsgesellschaft zur Funktionalisierung. In diesem Bild sind die Widersprüche und unerzählten Geschichten zahllose, sei es, dass die Bundesrepublik und die DDR mit ihren „Rotationssystemen“ sich ausschließlich an alleinstehende Frauen und Männer richteten und die Familienzusammenführung in der Migration alles andere als forciert wurde und in der Migration somit vielfältige Formen des Zusammenlebens erprobt werden mussten. Oder aber, dass die meisten Frauen mit Migrationshintergrund berufstätig sind und das weiterhin im Gegensatz zur traditionellen nordeuropäischen Familien- und Arbeitsmarktpolitik. Auf der juristischen Ebene werden diese Konzepte zur Tragödie: Denn auch heute noch muss, wer in Deutschland geboren ist, nur ausländische Eltern haben, um vor dem Gesetz keine StaatsbürgerIn zu sein, selbst wenn man sich dazu nun entscheiden kann, just dann, wenn man die Familie durch die Volljährigkeit verlassen könnte. Migration erscheint in vielen aktuellen filmischen Erzählungen vor dem Hintergrund juridischer und alltäglicher Ausschlüsse und medialer Zuschreibungen eher als eine Störung im kleinfamiliären und/oder nationalen Sesshaftigkeitskonzept und der traditionellen Arbeitsteilung. Die Programme dieses Wochenendes zeigen unterschiedliche Beispiele dieser (Film-)Geschichte und thematisieren die Komplexität und Modernität transnationaler Familienstrukturen, wie auch alternativer Lebensentwürfe, die durch Migration bestimmt sind und das traditionelle, filmische Familien- und Geschlechterbild unterlaufen.
Madeleine Bernstorff & Marion von Osten



    

 


 

FILMPROGRAMM

Kino in der Brücke, Kölnischer Kunstverein

Donnerstag, 8.12.05

   
 

19.00
Einführung in das Programm des Wochenendes
mit Filmbeispielen: Jack Smith « Song For Rent» 1968/69, Alice Guy-Blachés «The Making Of An American Citizen» 1912, u.a.
Madeleine Bernstorff / Marion von Osten

 

  « Song For Rent»
 

Kleine Familie Bundesrepublik

 

   
 

20.00
«Toxi» von R.A. Stemmle. D: Elfie Fiegert, Paul Bildt, Al Hoosman, Elisabeth Flickenschildt. BRD 1952, 89’
Die fünfjährige afrodeutsche Toxi landet in einer bundesdeutschen Nachkriegsfamilie und ist dort den Debatten um Segregation oder Integration ausgesetzt
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«Toxi»

 

«Toxi lebt anders»** von Peter Schier-Grabowski. BRD 1958, 27’
Der Fernsehbeitrag sollte ein Korrektiv zum Publikumserfolg des rührseligen Spielfilms «Toxi» sein und dreht sich um die Mütter der afrodeutschen „Besatzungskinder“
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21.30
Anschließende Diskussion mit Katharina Oguntoye zur Politik der Bundesdeutschen Regierung gegenüber afro-deutschen „Besatzungskindern“

 

   
 

Freitag, 9.12.05

Arbeiter verlassen die Fabrik


   
 

19.00
Kurze Einführung von Marion von Osten

«Für ausländische und deutsche Arbeiter»* von Christine Trautmann, Kurt Rosenthal. BRD 1973, 12’
Experimenteller Film zur Rolle der Migration in den Arbeitskämpfen
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« Compaňera Inge » von Karlheinz Mund und Erika Nowak. Fernsehbeitrage DDR 1982
Die offizielle Sicht der DDR auf Vertragsarbeiter aus Kuba und deren Betreuerin Inge
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Pause

   
 

20.30
«Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf» von Edith Schmidt und David Wittenberg. BRD 1974/75,49’
Dokumentation des wilden Streiks der Frauen bei Pierburg / Neuss, 1973, die nie gesendet wurde ...weitere Informationen

Anschließende Diskussion mit dem Regisseur David Wittenberg (Köln), Peter Leipziger (Betriebsrat Pierburg) und Paulino Jose Miguele (ehemaliger Vertragsarbeiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter, DOMiT), Moderation: Aurora Rodono

 

  «Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf»
  Samstag, 10.12.05

   
 

40qm Deutschland / 4.000 km Autobahn

15.00
Einführung mit Filmbeispielen von Madeleine Bernstorff

   
 

15.30
«Was ich von Maria weiß» Gisela Tuchtenhagen. BRD 1971, 18’
Ein involviertes Porträt der 13-jährigen spanischen Schülerin Maria aus Norddeutschland
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  «Was ich von Maria weiß»
 

16.00
«Eine Kölner Familie»
von Hans-Jörg Hilgert und Tuuliki Lähdesmäkki (WDR). BRD 1976,  30’ Ein Dokumentarfilm über die transnationalen Beziehungen einer süditalienischen Kölner Familie Ende der 70er Jahre
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Ausschnitte aus «Fremde Heimat» von Hans-Jürgen Hilgert und Tuulikki Lähdesmäki (WDR). BRD 1978,  44’ Der Nachfolgefilm der Kölner Familie Santoro '
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Gespräch mit der Protagonistin Cosima Santoro

 

   
 

Pause

   
 

17.30
«Ben Kimim»* von Canan Yilmaz. D 2003, 4’ - OmeU
«Bin ich deutsch, Bin ich türkisch» (Canan Yilmaz)
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«Gölge» von Sema Poyraz. D: Semra Uysal, Birgül und Yüksel Topçugürler. BRD 1980, 90’
Der erste Spielfilm aus einer migrantischen und feministischen Perspektive: ein Kammerspiel über Gölge in einer Zweizimmerwohnung mit ihrer vierköpfigen Familie
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Pause

   
 

20.00
«Auslandstournee» von Ayşe Polat. D: Hilmi Sozer, Özlem Blume, Özay Fecht. D 1999, 91’
Der Nachtklub-Sänger Zeki reist mit der 11-jährigen Senay über Hamburg, Paris und München bis nach Istanbul auf der Suche nach Senays Mutter
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22.00
«Audition Tape»* von Benny Nemerofsky Ramsay. Kanada 2003, 6’ - OmeU
„Schwul, weiß, 29 Jahre, gute Singstimme und Koordination sucht verzweifelt Job in der russischen Mädchenband Tatu“
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«Lola und Bilidikid» von Kutlug Ataman. D: Baki Davrak, Gandi Mukli, Erdal Yildiz, Inge Keller. D 1998, 95’ Der wohlbehütete 17-jährige Murat und die Szene der Kreuzberger Transvestiten
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  «Lola und Bilidikid»
 

Sonntag, 11.12.05

Daheim im Ausnahmezustand

15.00
Kurze Einführung von Marion von Osten & Madeleine Bernstorff

   
 

«Who Hangs the Laundry? Washing, War and Electricity in Beirut » Hrabba Gunnarsdóttir & Tina Naccache, Island, Libanon, USA 20 ’
Ein DV-Gespräch über Hausarbeit, Kriegsfolgen, Aktivismus und Migration
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«Who Hangs the Laundry? Washing, War and Electricity in Beirut »

 

15.30
« Welcome in Holland - Campus Vught » Sarah Vos, Niederlande 2003 100’ OmeU
Abgewiesene jugendliche Asylbewerber in einem Lager in Holland beginnen sich mit zivilem Ungehorsam gegen ihre Isolation zu wehren
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  « Welcome in Holland - Campus Vught »
 

17.30
« Tanger, le rêve des brûleurs » Leïla Kilani, Frankreich 2002 53’ OmeU
Ein Film über die, die ihre Identität aufgeben um über Nord-afrika nach Europa zu kommen und durch die Grenze zu Anderen werden
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Brigitta Kuster , Filmemacherin und Theoretikerin (Berlin) imGespräch mit der Regisseurin Leïla Kilani, Paris.

 

  « Tanger, le rêve des brûleurs »
 

Pause

   
 

19.00
Borderline(s) : Sexuelle Grenzverläufe
Vortrag : Marie-Luise Angerer, Professorin an der KHM, Köln
Gerade weil Sexualität sich mit Körpern, mit Orten, Zeiten und Bildern immer verdichten muss, ist sie der Grenzverlauf – metaphorisch und physisch – schlechthin.

   
 

20.00
«Die Helfer und die Frauen» Karin Jurschik, BRD 2004 80’
Militärische Verbände und politische Organisationen wie die unter UN-Führung operierende Internationale Polizei (IPTF) und die International Organisation for Migration (IOM) versuchen in Ex-Jugoslawien, Probleme mit Prostitution und Menschenhandels zu lösen, die sie u.a. mit verursacht haben
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Anschließende Diskussion mit der Regisseurin Karin Jurschik (Köln) und Marie-Luise Angerer (Köln), Moderation: Dr. Regina Römhild, wissenschaftliche Leitung TRANSIT MIGRATION, Frankfurt am Main.

 

  «Die Helfer und die Frauen»
 

Ort:
Kino in der Brücke
Kölnischer Kunstverein
Hahnenstraße 6
D-50667 Köln
T +49-221-8697 647
F +49-221-8697 648

 

   
  *aus dem Archiv der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen
**mit freundlicher Genehmigung des SWR