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HOTEL, CONTAINER, ZELT
– ORTE UND OBJEKTE DER MIGRATION
Ein Forschungsprojekt von Tom Holert und Mark Terkessidis
Hintergrund
Es ist ein Gemeinplatz, dass die Migration im Prozess der Globalisierung
einen zentralen, aber auch höchst ambivalenten Platz einnimmt.
Auf der einen Seite erscheint Migration als Ausdruck einer begehrten
und selbstverständlich beanspruchten Freiheit – als „Wanderung"
von Geschäftsleuten und Touristen über die ganze Welt.
Auf der anderen Seite soll Mobilität reglementiert, wenn nicht
verhindert werden, weshalb Migration als bevölkerungspolitisches
Problem konstruiert werden muss.
Die verschiedenen Formen der „Wanderung" stehen miteinander
in Verbindung und verschänken sich. Der so historisch entstandene
und fortwährend neu entstehende Zusammenhang ist nicht abstrakt,
denn die ambivalenten, widersprüchlichen Praktiken der Migration
organisieren sich immer häufiger an den gleichen Orten, operieren
mit den gleichen Objekten – zu je eigenen und spezifischen
Bedingungen. Im Rahmen unseres Projekts wollen wir drei solche Orte
mit Objektcharakter sowie Objekte, die auch an der Produktion sozialer
Räume beteiligt sind, analysieren: das Hotel, den Container
und das Zelt.
Thematischer Fokus
Gewöhnlich wird das Hotel lediglich mit Geschäftsreisen
und dem Tourismus assoziiert. Doch in den letzten Jahrzehnten hat
das Hotel noch ganz andere Funktionen übernommen. In den Krisengebieten
der Welt dient das Hotel als Relaisstation, von dem aus die Krise
in die globale Öffentlichkeit vermittelt wird – ein konkretes
Beispiel wär hier das Hotel „Continental" in Skopje,
in dem sich Journalisten und Kameraleute während der Krisen
im Kosovo und in Mazedonien konzentrierten.
Zudem wurden Hotels während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien
über Jahre hinweg zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert
– hier wäre etwa das heute noch leerstehende Hotel „Libertas"
in Dubrovnik zu nennen. Die Grenzen zwischen Asyl, Gefängnis
und Hotel werden immer durchlässiger, was auch für Auffanglager
an den Schengen-Grenzen oder etwa für deutsche „Ausreisezentren"
gilt, in denen Flüchtlinge bis zur Abschiebung interniert werden.
In seiner Reflexion über die Postmodernität des Hotels
„Bonaventura" in Los Angeles hat Fredric Jameson dieses
als „totalen Raum" charakterisiert. Während die
Reichen sich in Hotels wie dem „Bonaventura" aus der
Öffentlichkeit in ein sicheres Stadt-Substitut zurückziehen,
werden die Flüchtlinge aus der Öffentlichkeit im „Ausreisezentrum"
in einen Raum verbannt, der bereits das Substitut des Außen
bildet, in das sie von dort aus gebracht werden sollen.
Ein ähnliches Kontinuum von Funktionen und Bedeutungen ergibt
sich bei einem Blick auf den Container. Der Container ist auf der
einen Seite das exemplarische Objekt der Mobilität von Gütern,
als ein normierter Behälter für den Transport von Fracht;
auf der anderen Seite werden zunehmend Menschen in Containern befördert;
Flüchtlinge verstecken sich in ihnen oder sie werden darin
transportiert. Doch der Container repräsentiert nicht nur Mobilität,
sondern ebenso den temporären Stillstand in der Mobilität.
Seine Kinetik ist eine Kinetik auf Abruf, auch „ruhend"
steht er unterschiedlichsten Nutzungen offen. So werden etwa migrantische
Arbeitskräfte auf Großbaustellen in Containern untergebracht,
während der Container im Kontext der Eventkultur als Kassenstation
oder improvisierte Bühne dient. Das flagranteste Beispiel eines
solchen Stillstands in der Mobilität ist vielleicht das fest
verankerte Containerschiff, das zu einer Flüchtlingsunterkunft
umgerüstet wurde.
Das Zelt schließlich verbindet traditionelle nomadische Lebensweisen
und ihre Metamorphosen mit den derzeitigen Formen der Mobilität.
Wo gegenwärtig Zelte sind, hat sich zumeist ein – katastrophischer
– Bruch mit dem Alltag vollzogen, der einen Ausnahmezustand
zur Folge hat. Mitunter sind Zelte und Zeltlager auch die Vorboten
der Krise und des Ereignisses. Die Funktionen und Bedeutungen des
Zeltes und des Zeltlagers liegen an den bereits beschriebenen Kreuzungspunkten:
Es kann sowohl eine Unterkunft für touristische Reisende sein
(Camping) wie in einer Lagerformation als Unterkunft für Flüchtlinge
oder Soldaten dienen.
Verfahren und Erkenntnisinteresse
In unserer Untersuchung soll es also darum gehen, das Hotel, den
Container und das Zelt als Orte und Objekte zu betrachten, in denen
sich unerwünschte und erwünschte Migration verdichten
– als durchlässige oder abgedichtete Räume und Gegenstände,
welche mobilisieren und mobile Personen im Zustand des Transits
erstarren lassen – als psychogeografische Topoi, die Subjektivierungen
stimulieren und steuern und die Bilder migrantischer Subjektivität
strukturieren.
Dabei interessiert die gesamte Praxis dieser Behälter. Die
Analyse der bereits angesprochenen konkreten Funktionen und Bedeutungen
(anhand einer Auswahl von Beispielen) muss ergänzt werden um
die Rekonstruktion der politischen und auch visuellen Ökonomie
dieser Orte und Objekte. Dazu arbeiten wir in den Archiven, bereisen
aber auch europäische und nahöstliche Regionen im Mittelmeerraum
und am Atlantik, in denen insbesondere die Verschränkung von
touristischen und migrantischen Mobilitäten spezifische Raum-Zeiten,
Subjektivitäten und Konstellationen von Politik und Ökonomie
hervorbringt: Herauszufinden ist, welche Prozesse zur historischen
Um- bzw. Aufwertung von Hotel, Container, Zelt geführt haben.
Aber es sind auch jene Prozesse zu rekonstruieren, welche durch
die Transformation von deren Funktionen und Bedeutungen selbst in
Gang gesetzt wurden: Welchen Einfluss nimmt die ambivalente Multifunktionalität
von Hotel, Container und Zelt auf Konzepte von Geografie –
in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht? Was
ermöglicht das sich wandelnde Spektrum der materiellen und
imaginativen Nutzungsweisen und was erzwingt es? Zusätzliche
Komplexität gewinnt das Projekt durch Recherchen über
die Produktionsbedingungen der Behälter, denn zumeist steht
am Anfang der physischen Herstellung ihrer Architekturen und Texturen
die Arbeit unter Migrationsbedingungen.
Tom Holert, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftler und Journalist
in Berlin; Mark Terkessidis, Dr. phil., ist Psychologe und Journalist
in Köln; gemeinsam haben beide an Buchprojekten zum Strukturwandel
der Popkultur (Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft,
1996) und zu den kulturellen und medialen Vermittlungen des Krieges
(Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert, 2002) gearbeitet.
Die Gründung des Institute for Studies in Visual Culture e.V.
im Jahr 2000 soll eine weitgehend autonome Forschung zu Themen der
Visualität und der Subjektivität ermöglichen. Die
Forschungen zu Strukturen und Phänomenen der Mobilität,
die auch im Rahmen des Projekt Migration durchgeführt werden,
sind als weiterer Schritt in diesem Projekt angelegt. Einzelveröffentlichungen
von Tom Holert u.a.: Künstlerwissen (1998), Imagineering. Visuelle
Kultur und Politik der Sichtbarkeit (Hg., 2000), The Future Has
a Silver Lining. Genealogies of Glamour (Hg. mit Heike Munder, 2004);
Einzelveröffentlichungen von Mark Terkessidis u.a.: Kulturkampf
(1995), Psychologie des Rassismus (1998), Globalkolorit. Multikulturalismus
und Populärkultur (Hg. mit Ruth Mayer, 1998), Migranten (2000),
Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln
eine neue Perspektive (2004).
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Kölnischer
Kunstverein
DOMiT, Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.
Institut für Kulturanthropologie
und Europäische Ethnologie der Universität Frankfurt/Main
Institut für
Theorie der Gestaltung und Kunst (ics, HGK Zürich)
Forschungsprojekt „Hotel,
Container, Zelt“
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