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  MEIN BLOCK -REPRÄSENTANZ, SELBSTBEHAUPTUNG UND KAMPF BEI JUNGEN MIGRANTINNEN
Eine Musik- und Veranstaltungsreihe entwickelt von Murat Güngör


Hintergrund

Mittlerweilen agieren MigrantInnen erfolgreich im Kultursektor, sie werden wahrgenommen und rezipiert. Ihre Artikulationen spiegeln sich in Stil, Kultur und Alltag wider. Der kulturelle und soziale Raum wird durch junge MigrantInnen neu besetzt. Doch wie drückt sich ihre Selbstbehauptung, Sprache, Urbanität und Strategie der Repräsentanz in Deutschland aus? Und im welchen Wechselverhältnis steht dies zur Mehrheitsgesellschaft?

Es ist zu beobachten, dass junge MigrantInnen sich den lokalen Raum als sinnstiftendes Moment der Identitätsbildung aneignen. In dieser Aneignung wird die lokale Verortung mit ihrer jeweiligen Alltagspraxis neu codiert. In diesem Zusammenhang spielt das so genannte „Ghetto“ eine historische wie aktuelle Rolle. Multinationale Streetgangs bestimmten das Bild Anfang der 90er Jahre in den großen Städten der Bundesrepublik. Sie agierten in einem Raum von Zuschreibung und Selbstbehauptung. In einem Spannungsfeld von Rassismus, struktureller Benachteiligung sowie rechtsextremen Übergriffen begannen Jugendliche sich ihren lokalen Ort anzueignen: Ghetto, Straße oder Block wurden so zu Schutz- und Lebensräumen. Gewalt und Macht wurden hier zu Kategorien der Selbstbehauptung und des in Frage stellens von sozialen Realitäten. Auffällig ist, dass sich erfolgreiche Hip Hop Künstler heute wieder verstärkt auf das Ghetto beziehen. Damit geht eine Idealisierung und Romantisierung des Ghettos einher. In dieser Verortung von Ghetto vermischen sich problematische Zuschreibungen wie: gefährlich, bedrohlich, Unberechenbarkeit, Aufbegehren, Männerbund, Authentizität und eine aufgeladene Sexualität. Das macht die Bezugnahme auf das Ghetto sowohl für Poplinke wie auch für Mittelstandsjugendliche interessant.

Auf der anderen Seite beobachtet man sprachliche Veränderungen auf den Schulhöfen. Das gebrochene Deutsch der so genannten Gastarbeiter ist mittlerweile in den Unterhaltungssektor massenmedial eingegangen. Ähnlich wie bei dem Ghetto-Begriff zeigt sich auch hier eine Ambivalenz: Das gebrochene Deutsch steht einerseits für Ausschluss auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt und sorgt anderseits für Unterhaltung im Abendprogramm. „Kanak Comedy“ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was bedeutet dies für junge MigrantInnen? In welcher Weise sehen sie sich dort repräsentiert? Oder werden hier neue Ausschlussprinzipien produziert? Gibt es eine eigenständige Artikulation von MigrantInnen außerhalb ihrer zugeschriebenen Rollen in Deutschland? Und wie drückt sich diese im kulturellen, politischen wie urbanen Raum aus?

Die Reihe „Mein Block“ möchte auf diese Ambivalenz, Andersartigkeit, Verschiebungen und Fragen eingehen. In Form von Podiumsdiskussion, Lesung, audio/visueller Installation und Konzert wird versucht sich diesem Thema zu nähern.


Programm

Do, 3. 11.

Ort: Kölnischer Kunstverein

19 – 19.30 Uhr
Begrüßung und Einführung

19.30 – 22.30 Uhr
Getrennte Rechnungen – Hitler Kebab
Serdar Somuncu liest und erzählt aus dem Leben eines Deutsch/Türken.


Getrennte Rechnungen – Hitler Kebab
Serdar Somuncu ist eigentlich Schauspieler, aber was er auf der Bühne veranstaltet ist alles andere als ein Theaterstück. Somuncu liest, improvisiert, spielt und schweigt nach bester Laune. Er wirft sich dankbar auf jede hingereichte Vorlage und verwertet jedes noch so komplexe Thema zu einer Art Rundumschlag gegen die Einfältigkeit des gegenwärtigen Booms aus Mainstreamkabarett und Comedy-Gesülze.

Sein bisher dankbarstes Opfer war dabei das ungelesene Machwerk "Mein Kampf" - dieses vom Gröfaz Adolf Hitler seinerzeit in Landsberg diktierte Pamphlet, welches aufgrund des bestehenden Verbots immer noch als Mythos in den Köpfen Alt- und Neugestriger herumspukt.
Mittlerweile hat er sein "Mein Kampf" Projekt beendet und andere, nicht minder spannende sind hinzugekommen. Mit seinem aktuellem Programm "Hitler Kebab" vereint Somuncu endlich die beiden Seiten seiner deutsch-türkischen Seele zu einer brisanten Mischung aus feinstem politischem Kabarett, haarsträubend unverschämter Stand up Comedy, brutalster Geschichtsaufklärung, verletzlicher Selbstreflektion und dramatischer Selbstinszenierung. Somuncu liest dabei nur vordergründig Ausschnitte aus seinem gerade beim Lübbe Verlag erschienenen Buch "Getrennte Rechnungen" (ISBN 3-7857-2162-5 ) und spannt dabei den Bogen von seinen bisherigen Projekten bis hin zur aktuellen Debatte über das Kopftuchverbot.

Ohne die sonst übliche Betroffenheit und den Duktus des Besserwissenden gelingt ihm dabei ein einmaliger Bühnenspagat zwischen Wahnsinn und Genialität. Wohl deshalb erhielt Somuncu auch in diesem Jahr den renommierten Prix Pantheon in Bonn.

Im Anschluss folgt ein Gespräch mit ihm.

Serdar Somuncu, türkischer Staatsbürger, geboren am 03.06.1968 in Istanbul studierte Schauspiel, Musik und Regie in Maastricht (NL) und Wuppertal.

Seit 1985 ist er ununterbrochen in diesen Bereichen tätig.

Neben der Mitwirkung an diversen Produktionen für Film, Funk und Fernsehen (Lindenstraße, Die Anrheiner, Schwarz greift ein) inszenierte Somuncu über 100 Theaterstücke und wirkte bei zahlreichen Produktionen als Schauspieler mit, u.a. an den Schauspielhäusern in Oberhausen, Bremen und Bochum.



Do, 1. 12.

Ort: Kölnischer Kunstverein

19 – 20.30 Uhr
Fear of a Kanak Planet. Multimediale Lesung zu Hip Hop und Migration in Deutschland von Hannes Loh und Murat Güngör

21 – 22 Uhr
Alis im Wunderland. Konzert von Bektas

Ab 22 Uhr
Party


Fear of a Kanak Planet – Hip Hop zwischen Weltkultur und Nazirap
Damit hatte niemand gerechnet, aber das Tabu ist gebrochen: Seit dem Jahr 2001 gibt es in der deutschsprachigen Rapszene erstmals nationalistische Statements. Deutscher HipHop hat sein Gesicht verändert; die Aufbruchsstimmung der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre ist verloren gegangen. Damals bauten viele Türken, Afrodeutsche, Jugoslawen, Griechen, Italiener und Deutsche eine Szene auf, in der Herkunft, Hautfarbe und sozialer Stand keine Rolle spielten. Vor allem die Kinder so genannter Gastarbeiter machten mit HipHop nachdrücklich auf sich aufmerksam.
Murat Güngör (selbst ehemaliger Rapper und Mitglied von Kanak Attak) und Hannes Loh (Koautor des Buchs 20 Jahre HipHop in Deutschland) gehen der beunruhigenden aktuellen Dynamik nach und beschreiben die Entwicklung und Polarisierung der Szene aus einer kritischen Perspektive. Außerdem lassen sie all jene zu Wort kommen, die in der Erfolgsstory des „Deutschrap“ bisher nicht gehört wurden.

Ali´s im Wunderland – Bektas
Aufgewachsen im Wedding in Berlin zwischen alk und sex, gewalt und macks und all dem dreck hat Bektas zu einer Sprache gefunden, die mit geballter Faust und großem Herz den Puls der Straße mit stenographiert. Man könnte von Reality-Rap sprechen – aber das trifft die Sache nicht ganz. Bektas’ schafft mit seinen Sprachbildern einen mystischen Realismus, der den Hörer in eine Spannung zwischen Hoffnung und Wut versetzt. Und dann gibt es da noch die ganz großen Momente, wo ein Gefühl plötzlich aus dieser Spannung herauspurzelt und für sich alleine steht, z.B. wenn er seiner Familie sagt: ich danke euch, solang das band noch läuft, für die liebe und das ganze zeug, ich danke euch oder was wir seit der wiege lernten, man muss liebe säen, will man liebe ernten. Es tut gut, hin und wieder an solche Menschheitsweisheiten erinnert zu werden.

tief graben mit worten
Eigentlich begann alles schon Mitte der Achtzigerjahre, in Berlin, mit Breakdance und Graffiti. Anfang der Neunziger dann fing Bektas an zu rappen. Zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch und auf Türkisch. Die magische Qualität von Sprache, die Möglichkeiten des freien, beschwörenden Wortes haben ihn schon früh fasziniert, vielleicht auch wegen der alevitischen Tradition seiner Familie: Rap als mystische Formel, die an der Oberfläche die Wirklichkeit abbildet und darunter stetig nach Sinn gräbt. Bektas’ Texte klingen lange nach, denn sie sind durchdacht und sorgfältig strukturiert. Jede Strophe entspricht einer neuen Erkenntnisebene, keine beliebige Assoziation, kein überflüssiges Wort.

politisch und poetisch
Bei aller Sinnsuche vergisst Bektas nicht, wo er herkommt und wie es aussieht draußen in den Straßen und auf den Gesichtern der Menschen. Er kennt und erzählt die Geschichte seiner Eltern, die als so genannte Gastarbeiter nach Deutschland kamen: vierzig jahre scheißjobs und keiner, der die zeit stoppt, zeiten vergehen, aber die erinnerung bleibt doch. Mit seinen biographischen Rückblenden und den Geschichten über seine Familie wird Bektas zu einem wichtigen Chronisten, der die Geschichte der ersten Migrantengeneration erzählen. Damit bringt er Rap dorthin zurück, wo er angefangen hat: an die Seite jener, die ohne Stimme im sozialen Abseits verharren.

 


Do, 12. 1. 2006

Ort: Kölnischer Kunstverein

19 – 19.30 Uhr
Begrüßung und Einführung

19.30 – 20.30 Uhr
Zwei Kurzfilme zum Themenspektrum „Ghetto“ und „Migration“

20.30 – 21.30 Uhr
gHETTO aMBIENT: a/k/a Heimat & Exil – audio/visuelle Performance von Sebastian Meisner


gHETTO aMBIENT a/k/a Heimat & Exil „the world is a ghetto“ the Ghetto Boys

Heimat ist keine natürliche Gegebenheit, sondern wird durch Menschen gestaltet: ein ästhetisch-mediales Konstrukt. Der Begriff Heimat beinhaltet regionale/geografische wie soziokulturelle und emotionale Dimensionen gleichermaßen, die es voneinander zu unterscheiden gilt. Wenn man Heimat als eine Identitätstechnik begreift, wird deutlich, dass sie einerseits etwas biographisch Konkretes ist, andererseits eine ideale Ableitung daraus, was die bestmögliche Übereinstimmung einer Person mit ihrer Umgebung ist.

Heimat ist kein passiver Zustand, sondern hat etwas mit der aktiven Gestaltung und Ausweitung unserer näheren Umgebung zu tun. Dies erfordert eine permanente Prüfung ihrer Grenzen und kann sich durchs „Patrouillieren“ und „Herausgehen“ äußern. Die extremste Form dieses Herausgehens ist das Exil. Exil bedeutet nicht das Gegenteil von Heimat, doch wer sie verliert, beginnt seine eigene Vorstellung davon zu transzendentieren: Heimat wird virtuell. Kann Heimat ohnehin nur von jenen erfahren werden, die sie verlassen haben oder mussten? Und umgekehrt: wie soll man etwas als Heimat schätzen, das man nie verlassen hat oder nicht verlassen kann. Heimat kann dann zu einer Gegenwelt, einer Parallelwelt werden, wenn die eigene Umgebung eher einem Ghetto gleichkommt. Vielleicht beschreibt der Zustand der Heimatlosigkeit heutige Heimaterfahrungen präziser? Wenn man davon ausginge, dass heutzutage jeder Mensch mehrere Heimaten in und mit sich trägt, befänden wir uns dann nicht längst in einer globalisierten Gesellschaft der multiplen Heimaten? Und hieße das im Grunde nicht, dass unsere Zeit und Zukunft eine der Heimatlosen wäre?

gHETTO aMBIENT:
anhand der schon weitgehend belegten Begriffe „ghetto“ (Exil) und „ambient“ (Heimat), arbeitet sich Meissner assoziativ entlang seines Photomaterials urbaner Zwischenräume („Nicht-Orte“) aus unterschiedlichen geographischen Regionen (BRD, Algerien, Portugal, Israel/Palästina, USA etc.), das zu zeitlupenhaften Filmsequenzen addiert wird und mit monumentalen Soundkulissen zu einer „live-cinema“ Aufführung dramaturgisch verarbeitet wird.

Sebastian Meissner:
Sebastian Meissner arbeitet als Multimedia Künstler und nutzt dabei die Medien Klang, Video und Fotographie.
Er studierte Pädagogik, Soziologie, Psychologie und amerikanische Kulturstudien an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt/a.M.. Als vielschichtige Künstlerpersönlichkeit (Autokontrast, Autopoieses, Bizz Circuits, Klimek, Open Source, Random Industries, Random_Inc) beschäftigt er sich in seinen Arbeiten mit der Zufälligkeit, historischen Musikarchiven, Pixel Reisen und Strategien der Netzwerkbildung.
Seine Werke wurden gezeigt auf Festivals und in Institutionen z.B. Transmediale (D), Sonic Square (B), Podewil (D), Portikus Frankfurt (D), Schirn Kunsthalle Frankfurt (D), Festival for Jewish Culture Crakow (PL), Goethe Institute Buenos Aires (AR), Goethe Institute Ramallah (PAL), SONAR (ES), MUTEK (CA), Kulturhuset Stockholm(S) und Forsythe Ballet (D). Sebastian Meissner arbeitete für das von Deleuze/Guattari beeinflusste Label Mille Plateaux. Er etablierte die Netzwerk Plattform Intifada Offspring, die neue Perspektiven für den Mittleren Osten sucht.
Seine Arbeiten wurden veröffentlicht von Labels wie Mille Plateaux, Kompakt, Sub Rosa, Crónica und Beta Bodega.
In seiner gegenwärtigen Zusammenarbeit mit Lia, einer Digital-Media Künstlerin, untersucht Meissners als tinylittleElements Zusammenhänge zwischen software basierten akustischen und visuellen Kompositionen. Zusammen performen sie als Duo, das Lias Live-Visuals mit der elektronischen Music von Sebastian Meissner verbindet und vielschichtige und komplexe Stücke visuell-akustischen Zusammenwirkens hervorbringt.