"Kartentisch"
An Architektur/FFM Der Kartentisch
des Architekturkollektivs An Architektur macht exemplarisch deutlich,
wie mittels kartografischer Darstellung unterschiedliche Bilder
von Migration in Europa produziert werden und wer an dieser Bildproduktion
beteiligt ist. So ist die Vorstellung von Europa als einem geschlossenen,
homogenen Raum offensichtlich auf die Europakarte und ein bestimmtes
Informationsdesign zurückzuführen. Denn die Karte geht
dem Territorium voraus, das erst durch Begrenzungen, Benennungen
und Beschreibungen konstruiert wird. Bereits die Auswahl der Informationen
bestimmt, was in den Karten über Migration gesagt wird. So
entwirft die Kartierung der "Hauptschleuserwege" aus der Wochenzeitschrift "Der
Spiegel" ein kriminelles Bedrohungsszenario der Migration nach
Europa. Die Geldströme der Rücküberweisungen in
die Herkunftsländer stellen Migration wiederum als ökonomisches
Kreislaufsystem dar. Andere Karten - von Migreurope und Le Monde
Diplomatique - weisen auf Todesfälle als Folge von Grenzkontrolle
und Abschiebung hin. Hier erscheint Migration als Rechtlosigkeit
und gefährdetes Leben. Grafische Elemente unterstützen
dabei die jeweilige Argumentation. Vektoren lassen Migration als
Machtspiel entpersönlichter Kräfte erscheinen und gerade
nicht als Effekt soziopolitischer oder ökonomischer Zusammenhänge.
Tortendiagramme auf den Karten der IOM (International Organisation
for Migration) wiederum legen es nahe, Migration als reine Verwaltungsaufgabe
zu sehen. Und nicht zuletzt wird die Grenze als natürliche
Gegebenheit legitimiert und die historische Rhetorik der Nationalstaatlichkeit
reproduziert, wenn Europa als Formation von natürlichen Barrieren
wie Gebirgszügen oder Flussläufen dargestellt wird. Der
Kartentisch von An Architektur zeigt aber auch, dass Kartierung
und Kartografie, wenn ihre Darstellungsmöglichkeiten reflektiert
werden, für eine kritische Betrachtungsweise durchwegs geeignet
sind. Diesbezüglich stehen der Kartentisch von An Architektur
und die politischen Karten von Labor k3000 in einem thematischen
Zusammenhang.
An Architektur - Produktion und Gebrauch gebauter Umwelt,
gründete sich Anfang 2002 aus dem stadtpolitischen Architekturkollektiv "freies
fach" heraus. An Architektur versteht sich als diskursive Architekturpraxis,
die in der kritischen Befragung räumlicher Verhältnisse
und der Sichtbarmachung der darin angelegten Vorstellungen
von Gesellschaft eine Möglichkeit politischen Handelns
sieht. Mitglieder: Elke Beyer, Oliver Clemens, Jesko Fezer,
Kim Förster, Anke Hagemann, Sabine Horlitz, Anita Kaspar,
Andreas Müller, Julia Schilling.
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