"Interior"
Vlassis Caniaris "Interior" von
Vlassis Caniaris ist im Rahmen seiner Werkgruppe und Aus-stellungsserie "Gastarbeiter - Fremdarbeiter" Mitte
der 1970er Jahre ent-standen. Diese Ausstellung gehört zu
einer der frühsten Interventionen im Kunstbereich gegen die
in Deutschland etablierte Form der Gastarbeit und die damit verbundenen
Lebensbedingungen der Migranten. Im Kata-log von 1974 schreibt
das "Realismusstudio" der Neuen Gesellschaft für Bildende
Kunst, Berlin: "Vlassis Caniaris stellt das Leben der ausländi-schen
Arbeiter als nicht erkennbar, nicht fassbar dar. Die Gastarbeiter
scheinen in den Augen ihrer Gastgeber Abfall zu sein." Allerdings
fügt Caniaris auch Momente des Traums oder der Sehnsucht hinzu:
bei "Inte-rior" etwa ein Kinderbild. Mit den Tapeten, Zeitungen,
Teppichstücken Koffern oder einem einzelnen Rad ist "Interior" nicht
ein realistischer Nachbau eines Zimmers. Vielmehr lässt Caniaris
die Einzelelemente durch das Arrangement zu Spuren eines provisorischen
Lebens werden und ver-dichtet sie zu einem Bild einer von vielen
geteilten Lebenssituation.
Seit Ende der 1950er Jahre arbeitet Caniaris, der in Rom,
Paris, Berlin und zwischenzeitlich immer wieder in Athen lebte,
mit Gips, Kleidungsstü-cken, Drahtfiguren und allen möglichen Überresten,
die er stets auf poli-tische Verhältnisse bezieht. Die
Diktatur in Griechenland war ebenso eines seiner Themen wie
der Konsumrausch im "Wirtschaftswunder". Caniaris, der 1973
für ein Jahr in Berlin als DAAD-Stipendiat lebte, hat-te
für "Gastarbeiter - Fremdarbeiter" mit zahlreichen Personen
gespro-chen, Wohnungen oder Feste besucht sowie Gewerkschaftsmitglieder
oder Ökonomen befragt. In einem Rückblick von 1991
auf diese Zeit stellt er auch die Schwierigkeiten dar, in dieser
Zeit zu einem solchen Thema zu arbeiten. Viele der damit Adressierten,
das heißt die "Gastarbeiter" und "Gastarbeiterinnen" selbst,
hätten die Arbeit gerne aktivistischer gesehen. Caniaris
aber hoffte damals erstmalig überhaupt ein gesellschaftliches
Pro-blem darstellen und öffentlich machen zu können,
das bis zu diesem Zeit-punkt verdrängt worden war.
Künstler, geboren 1928, lebt und arbeitet in Athen.
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