"Bag-People"
Mladen Stilinović "Ich gehe;
vor mir Leute mit Taschen. Ich kann sie nur von hinten sehen. Sie
gehen nach Hause. Ihre Einsamkeit, ihre Taschen, Abwesenheit, Würde.
Stille, der Körper spricht. Ich gehe in die andere Richtung.
Der Lärm der Zeitungen - die Schlagzeile des Jahres 2001,
darunter viele unwichtige Tagesmeldungen, und ein Ereignis von
Bedeutung für die ganze Welt: die Zerstörung des World
Trade Center. Wo treffen sich Alltag und Geschichte, was ist ihr
Verhältnis, privat wie öffentlich?" (Mladen Stilinović )
Alltag und Geschichte stehen in der Installation "Bag-People" in
einem Nicht-Verhältnis, ähnlich dem Verhältnis der
Fotografierten zueinander: Jede/r geht für sich allein und
gleichzeitig sind sie verbunden durch eine gemeinsame Lebenssituation.
Die "Bag-People" hat Stilinović in Jakus ? eva fotografiert - ein
Vorort von Zagreb, der für ihn mit Armut gleichzusetzen ist.
Hier wird auf einem großen Schwarzmarkt alles Mögliche
verkauft, bis hin zum sprichwörtlichen "letzten Hemd". Angeboten
werden die Waren auf Zeitungen, deren tagesaktuelle Meldungen als
Verkaufsunterlage scheinbar keine Rolle spielen. Und trotzdem
sind die Nachrichten für die "Bag-People" relevant, ist ihre
Armut doch keine Gegebenheit, sondern eine Folge politischer Zusammenhänge.
So sehen sich seit dem Zusammenbruch des Sozialismus nach 1989
viele Personen dazu gezwungen, zu neuen Formen des Überlebens
zu greifen: von informellen Ökonomien bis hin zur Migration.
Dieses Nebeneinander von Bedeutung und Bedeutungslosigkeit, Veränderung
und Resignation stellt Stilinović , der in seinen Arbeiten
seit den 1970er Jahren nicht zuletzt das Phänomen Armut unter
wechselnden politischen Bedingungen thematisiert, in seiner Installation
nach. Das Gegenüberstellen von "Bag-People" und Zeitungen,
vom Immergleichen des täglichen Überlebens und Weltgeschehen,
von Resignation und Ereignis findet sein Pendant im Gegenüber
von "Bag-People" und Betrachter der Installation, denen Erstere
den Rücken kehren. Auf die Frage eines Interviewers, ob die
Fotografien nicht bloß eine "andere Welt" darstellen und
so einen gewissen Exotismus bedienen, antwortete Stilinović : "Das
ist keine andere Welt; das sind nur einfach Leute, die irgendetwas
verkaufen wollen. ... Es ist nicht exotisch; nur traurig." Die
Zeitungssauschnitte erinnern daran, dass Fotografierte und Betrachter
Teil und Beteiligte derselben politischen (Welt-)Verhältnisse
sind, selbst wenn sich ihre Alltagsgeschichten nicht überschneiden.
Künstler, geboren 1947, lebt und arbeitet in Zagreb.
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