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"Markt"

Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans' Fotografien "Markt" sind 1989 entstanden, als der Künstler während seiner Studienzeit für einige Monate in Berlin lebte. Sie sind hier erstmalig vergrößert ausgestellt und deuten spätere Themen und formale Aspekte seiner Arbeiten an, etwa Sozialität, Stillleben und Aufsichten. Als Fotografien vom Polenmarkt sind sie sowohl ein Zeugnis der eigenen widersprüchlichen Neugier am Geschehen als auch ein historisches Dokument einer Berliner Legende sowie eines ambivalenten Kapitels in der Beziehung zwischen Deutschland und Polen. Nach der Lockerung der Ausreisebestimmungen 1988 verkauften seit Januar/Februar 1989 unweit des Potsdamer Platzes am Reichpietschufer Tausende von Polen und Polinnen Gegenstände und Lebensmittel. Mit der Wende erhielt dieser Markt nochmals einen neuen Auftrieb. In der Presse gab es ressentimentgeladene Angriffe gegen "Dreck und Gestank", oder der Markt wurde als touristische Attraktivität - "einzigartig in Europas Mitte" - oder als Schnäppchenmarkt gepriesen: "echtes Bergkristall". Neben seiner Größe war der "Polenmarkt" durch seine wechselhafte Geschichte von Verbot, Einzäunung und Ausgrenzung gekennzeichnet. Letztlich gingen Justiz und Polizei mit Schnellverfahren, Festnahmen und Einreiseverboten gegen die rasch als "illegal" eingestuften Händler vor. Insebesondere Tillmans' Nahaufnahmen lassen sein eigenes Erstaunen angesichts der Gegenstände sichtbar werden. In den Augen von "Westlern" waren sie nicht unbedingt als Waren zu erkennen, aber sie wurden von Personen, die eine weite Reise auf sich genommen hatten, zum Verkauf bestimmt. Insofern ist in den Fotografien auch eine gängige bundesrepublikanische, links geprägte Distanz zu Markt und Materialismus wiederzuerkennen, die hier auf die existenzielle Situation der Händler und Händlerinnen und auf deren Wunsch, um jeden Preis Geld zu machen, trifft. "Markt" ist ein Dokument einer für Polen wie für Berliner ökonomisch speziellen Situation, die zu der Zeit, als sich die Blockmächte auflösten, auf Eigeninitiative und einen noch unregulierten Warenstrom basiert. Darüber hinaus vermitteln Tillmans' Fotografien auch allgemeinere Erfahrung des Ost-West-, Arm-Reich- und Wechselkurs-Gefälles, die auch heute noch die deutsch-polnischen Beziehungen prägt.

Künstler, geboren 1968, lebt und arbeitet in London.

 

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Wolfgang Tillmans