"Tatort Migration 1-10"
Gustav Deutsch
Die Fernsehserie "Tatort" gehört seit den 1970er Jahren
zum festen Bestandteil der deutschen Fernsehkultur. Ihr Erfolg
verdankt sich nicht zuletzt ihrem Anspruch auf Realitätsnähe,
Aktualität, Ortsverbundenheit und Gesellschaftsrelevanz. Diesem
Anspruch nachgehend, hat sich der Experimentalfilmemacher, Video-
und Aktionskünstler Gustav Deutsch rund hundert Folgen unter
dem Aspekt angeschaut, wann und wie das Thema Migration im "Tatort" aufscheint.
Erst Mitte der 1990er Jahre wurde es deutlich präsent: Zählte
Deutsch in den siebziger Jahren elf Sendungen, waren es von 2000
bis 2004 bereits einunddreißig Folgen, in denen Migration
ein Thema war. Aus den "Tatort"-Folgen hat Gustav Deutsch acht-
bis zehnminütige Kurzfolgen montiert, die er in einer Installation
aus Heimkino-Boxen und damit in einer fernsehähnlichen Situation
präsentiert. Seine Folgen sind nach thematischen Kriterien
entstanden und handeln unter anderem vom "Dialog der Generationen" - zwischen
der ersten und zweiten Einwanderergeneration -, der "Macht der
Sprache" - ihre Bedeutung für Integration oder als Zufluchtsraum - oder
von "Zeichen und Wundern" - fremd erscheinenden Gebräuchen.
Bei der Montage ließ sich Deutsch weniger vom Inhalt der
Dialoge oder von der Logik der Drehorte als von der Intensität
der Bilder leiten. Es ist eine assoziative Vorgehensweise, die
das affektive Potential von Bildern mitberücksichtigt. Auch
Nebenszenen und Nebenschauplätze, die eher unterschwellig
das Bild von Migration im "Tatort" prägen, spielen in den
Kurzfolgen eine wichtige Rolle. Auf diese Elemente, die sich für
gewöhnlich der Aufmerksamkeit entziehen, werden die Zuschauer
auch durch die Art der Installation hingewiesen: Von der dezidierten Öffentlichkeit
des Ausstellungsraums wird der Blick auf die Halböffentlichkeit
der Gänge bis zur Intimität der Heimkino-Boxen geleitet.
Die private Sehgewohnheit entpuppt sich als heimlicher, voyeuristischer
Blick auf migrantische Subjekte, den die Serie selbst auch mitproduziert
hat.
Filmemacher, geboren 1952, lebt und arbeitet in Wien.
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