"Aufstellung"
Harun Farocki Der Filmemacher
Harun Farocki bringt in seinen Filmen den Subtext medialer Bilder
und ihre inhärenten Ideologien zum Vorschein. Dabei zieht
sich das Thema Arbeit von der Industrialisierung bis hin zur Globalisierung
und ihrer Rolle in der Kontrollgesellschaft durch fast alle seine
Filme. Für "Aufstellung" hat Harun Farocki eine Fülle
von Schaubildern - illustrierte Statistiken, Pfeildiagrame, Kuchen-
und Säulenstatistiken - zu einem Stummfilm montiert, die das
Thema Einwanderung insbesondere in Zusammenhang mit der so genannten "Gastarbeit" in
Deutschland illustrieren. Sie stammen aus Broschüren von
Behörden, aus Schul-, Sprachlehr- und Geschichtsbüchern
oder Tageszeitungen. In diesen Piktogrammen werden verschiedene
Migrantengruppen durch spezifische Attribute gekennzeichnet: der
Arbeitsmigrant mit Hilfe eines Koffers oder eines Schnurrbarts,
der Flüchtling mit Hilfe eines Bündels. Frauen werden,
wenn überhaupt, durch ein Kopftuch kenntlich gemacht. Den
Schaubildern zur Arbeitsmigration seit den 1960er Jahren lässt
Farocki kartografische Darstellungen von Migrationsbewegungen aus
verschiedenen Geschichtsperioden folgen: von der Völkerwanderung
um 1000 v. Chr. bis zu den Bewegungen der Kriegsflüchtlinge
des zweiten Weltkriegs, wobei der Abwanderung und Vertreibung aus
dem Osten von den 1920er Jahren bis heute ein besonderes Augenmerk
gewidmet ist. Weitere Karten über die Zeit des Nationalsozialismus
zeigen die Orte der Konzentrations- und Vernichtungslager an. Diese
Verbindung zwischen Völkerwanderung/Miration und Vernichtungslagern
fokussiert den Blick des Betrachters auf den vornehmlichen Einsatz
der statistischen Datenerhebung und der Migrationskarte im 20.
Jahrhundert als bevölkerungspolitisches Instrument. Anhand
der Bildfolge von grafischen Abstraktionen wird deutlich, dass
Arbeitsmigration derselben Import- und Exportlogik untersteht,
der auch Warenflüsse unterliegen. Dementsprechend sind in
den Sprachlehrbüchern Vokabeln wie "ich arbeite, du arbeitest" oder "ich
kaufe, du kaufst" als besonders nützliche zu lernen. Farocki
generiert durch den schnellen Schnitt seines Materials einen anderen
Bildtext als das Einzelbild mit seiner Kombination von Schaubild
und Zahl. Es geht nicht mehr um die statistische Information, sondern
darum, wie sehr diese ebenso hilflos erscheinenden wie stereotypen
Illustrationen an der Herstellung von Meinung und Wissen beteiligt
sind. Die meist in nüchternem Schwarz-Weiß gehaltenen
Grafiken setzen mit ihrer scheinbar objektiven Bildlichkeit und
dem einleuchtenden Schematismus auf ein reflexhaftes Wiedererkennen.
Wie schnell sich dabei ein Schaubild in ein Bedrohungsszenario
verwandeln kann, zeigt beispielsweise das Diagramm "Ansturm auf
die BRD".
Filmemacher, geboren 1944, lebt und arbeitet in Berlin.
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