"Zertifikat Deutsch"
Farida Heuck
Birgit zur Nieden Das "Zuwanderungsgesetz" (kurz
für "Gesetz zur Steuerung und Begren-zung der Zuwanderung
und zur Regelung des Aufenthalts und der Inte-gration von Unionsbürgern
und Ausländern") ist seit Januar 2005 in Kraft. Es erhebt
die Integration zum neuen Paradigma der Einwanderungspoli-tik und
verlangt, dass Sprach- und Integrationskurse mit standardisierten
Abschlussprüfungen besucht werden. Damit ist eine deutliche
Wende vollzogen: Noch in den 1960er Jahren war es unerwünscht,
dass Arbeits-migranten und Arbeitsmigrantinnen Deutsch lernen.
Man ging von einem vorübergehenden Aufenthalt zum Zweck der
Lohnarbeit aus. Für Proble-me der "gesellschaftlichen Eingliederung" war
das Arbeitsministerium zuständig. Nun liegt die Integration
im Ressort des Innenministeriums und fällt unter "Innere Sicherheit".
Dementsprechend ist die Erlaubnis oder die Verlängerung des
legalen Aufenthalts von Einwanderern durch die neue Sprachkursregel
an prüfbare Integrationsleistungen gekoppelt. Mit ihrer audiovisuellen
Installation "Zertifikat Deutsch" analysieren die Künstlerin
Farida Heuck und die Soziologin Birgit zur Nieden diese neu-en
Bestimmungen und setzen sie in Beziehung zu früheren Gegebenhei-ten.
Der Monitor zeigt eine Kompilation von Sprachlehrfilmen von 1966,
1974 und 1988 aus dem DOMiT-Archiv und lässt ein jeweils verändertes
Bild der Migration erkennen. Ebenso haben Heuck/zur Nieden Gesetzes-texte,
Formulare und Kurslehrpläne untersucht und zahlreiche Personen
interviewt, die an der Umsetzung der neuen Regelung beteiligt sind.
Die Interviews basierten auf einem Fragenkatalog, der verschiedene
Aspekte eruierte: Wem soll die "Integration" tatsächlich nützen?
An welchen Vor-stellungen sind die Sprachlehrbücher orientiert:
Leitkultur, europäische Werte, integrierbarer Multikulturalismus?
Wie werden polizeiliche Kon-trollaufgaben zivilen Personen, etwa
LehrerInnen, übertragen? Und nicht zuletzt: Welche Interessen
verbinden die SprachschülerInnen selbst mit den Kursen? Auf
einer CD sind Ausschnitte aus den Interviews zu hören, die
mit Passagen aus den Gesetzestexten und den Formularen abgemischt
sind. Parallel dazu werden zahlreiche Formulare, mit denen die
für die Regulation der Integration benötigten Daten generiert
werden, auf den Tisch projiziert. Dieses Bild bringt die Botschaft
der Installation auf den Punkt: die staatliche Verwaltung des Spracherwerbs
als eine von jeweils neuen politischen Vorstellungen geleitete
Strategie des Regierens.
Farida Heuck, Künstlerin, geboren 1968, lebt und arbeitet
in Berlin.
Birgit zur Nieden, Soziologin, geboren 1972, lebt
und arbeitet in Berlin.
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