"Fragile"
Bülent Şangar
Bülent Şangar führt in "Fragile" vor der Kamera
vergebliche Versuche vor, sich aus dem elterlichen Wohnzimmer und
damit von Bindungen zu befreien. "Fragile" ist eine seiner Performances,
die er in Fotografien festhält oder für Filme produziert.
In unterschiedlichen Sequenzen geht er in "Fragile" Angeboten nach,
die einen Weg nach draußen zu versprechen scheinen. Zunächst
aber wiederholt die Doppelprojektion die beengten Verhältnisse:
Nur durch einen Spalt wird der Blick freigegeben auf ein kleines
Zimmer, in dem die Eltern zunächst unbeweglich im Hintergrund
sitzen. Konträr dazu vollbringt der Sohn alle möglichen
Aktionen: Ein Gewehr schiebt sich durch die Tür, Liegestützen
rufen Assoziationen ans Militär und sein Bodybuilding ans
männliche Schönheitsideal hervor. Während auf der
linken Seite das Video noch relativ "real" bleibt, wird es rechts
immer absurder und der Versuch, der Enge zu entkommen, grotesk.
Irgendwann wirft der Vater eine Klopapierrolle durchs Zimmer, eine
maximale und auch emotionale Reaktion auf die Ambitionen des Sohns
und Zeichen der eigenen Unbeweglichkeit. Die private Szene wird
durch eine Sequenz von Werbebildern unterbrochen, die wohlhabendes
und glamouröses Leben versprechen. Die Konsumwelt löst
eine Reihe von Wünschen aus, die mobilisierend wirken. Damit
stehen die Eltern ebenso für Familienbindung wie für
die Situation einer neuen Generation, die zwischen traditionellen
elterlichen Vorstellungen einerseits und einer konsumorientierten
Türkei andererseits hin- und hergerissen ist. Zwar wurden
Themen wie "exzessiver Konsum" oder "exzessive Verwestlichung" in
der Türkei immer wieder unter der Frage der Moral diskutiert.
Seit den frühen 90er Jahren aber haben diese Themen neue Aktualität
erlangt. Seitdem liefert eine Flut an Waren und Bildern die Vorlage,
um tradierte Vorstellungen zu revidieren.
Künstler, geboren 1965, lebt und arbeitet in Istanbul.
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